Australien: Megawatt-Batterien sollen Stromnetz stabilisieren

Hornsdale Windpark mit Batteriespeicher in Südaustralien (Bild: Neoen)
Hornsdale Windpark mit Batteriespeicher in Südaustralien (Bild: Neoen)
19.12.2017

„Wette gewonnen“ hieß es Anfang Dezember für Tesla-Chef Elon Musk. Der umtriebige Unternehmer hatte im März 2017 nach dem letzten größeren Stromausfall in Südaustralien getwittert, Tesla könne Blackouts mit einer 100-MW-Batterie verhindern, die das Unternehmen innerhalb von maximal 100 Tagen liefert und installiert. Mike Cannon-Brookes, australischer Software-Milliardär, hielt dagegen, obwohl er nach eigenen Worten von Batterien und Stromversorgung keine Ahnung hat.

Er würde für die Finanzierung und die politische Unterstützung sorgen, Musk müsse den Stromspeicher fristgerecht bereitstellen. Der Milliardär aus Kalifornien schlug ein: Wenn Tesla es nicht schaffe, eine solche Riesenbatterie innerhalb von 100 Tagen nach Vertragsunterzeichnung zu liefern, zu installieren und in Betrieb zu nehmen, gebe es das Ding für Südaustralien geschenkt. In der Folge genoss das „Battery Race“ in ganz Australien viel Aufmerksamkeit.

Am 7. Juli unterzeichnete Südaustraliens Premier Jay Weatherill den Deal mit Musk, den Tesla im Rahmen einer Ausschreibung zusammen mit dem französischen Erneuerbare Energien-Versorger Neoen gewonnen hatte. Die australische Neoen-Tochter betreibt die im Sommer 2017 fertiggestellte Hornsdale Wind Farm, rund 240 km nördlich von Südaustraliens Hauptstadt Adelaide. Dort laufen 99 Windräder mit einer Gesamtleistung von 315 MW. Die 3,2 MW-Turbinen fertigte Siemens Wind Power in Dänemark. Die Türme kamen aus Vietnam. Der Windstrom geht an die Regierung des Australian Capital Territory (ACT, Australiens Hauptstadt Canberra), die 20 Jahre einen Einspeisepreis von umgerechnet rund 50 €/MWh garantiert.

In dem Vertrag mit der Regierung Südaustraliens wurde als Start für das „Battery Race“ die Unterzeichnung der Netzanschlussvereinbarung festgelegt. Sie fand am 29. September statt. Damit war die ursprüngliche Twitter-Wette zugunsten von Musk verändert. Der verschaffte sich so einen Startvorsprung. Denn Tesla hatte in Nevada (USA) mit der Produktion der Speichereinheiten, die aus Samsung 21700-Zellen bestehen, längst begonnen. Dadurch sank das Risiko deutlich, die Wette zu verlieren und die Mega-Batterie gratis liefern zu müssen, was Tesla laut Musk rund 50 Mio. US-Dollar gekostet hätte. Der Kalifornier ist eben nicht nur ein Mann des cleveren Marketings, sondern auch Kaufmann.

Rekordanteil von Wind und Solarstrom

Am 1. Dezember, genau 63 Tage nach dem Startschuss des Battery Race, konnte Premier Weatherill die Hornsdale Power Reserve offiziell in Betrieb nehmen. „This is history in the making“, sagte der Regierungschef, der sich mit seiner Labour-Party im März 2018 zur Wiederwahl stellt. Südaustralien sei jetzt weltweit führend bei jederzeit lieferbarer erneuerbarer Energie.

Wieviel Südaustralien für die Megawattbatterie tatsächlich bezahlt, wurde nicht bekannt. Sie ist aber ein Kernstück im Energy Plan des Bundesstaats mit einem Budget von 550 Mio. australischer Dollar (351 Mio. €). Erklärtes Ziel ist es, in der Stromproduktion autark zu werden, keinen Kohlestrom mehr aus dem Nachbarstaat Victoria zu importieren und die Stromversorgung verlässlicher und günstiger zu machen.

In keiner anderen Region der Welt kommen bereits über 50 % des Stroms von Wind und Sonne (s. Sonne Wind & Wärme 12/2017, S. 22/23, Kohle ade: Australien auf dem Ausstiegspfad). Der Rest stammt aus Gaskraftwerken, die zusammen mit Megawattbatterien die Fluktuationen des erneuerbaren Stroms ausgleichen sollen. Damit ist Südaustralien ein Testfeld für die Welt. Die Rahmenbedingungen sind anspruchsvoll: Der Staat ist dreimal größer als Deutschland, mit nur 1,7 Mio. Einwohnern sehr dünn besiedelt und hat nur zwei Hochspannungsleitungen in den Nachbarstaat Victoria, um Strom zu importieren. „Die sehr dünne Besiedlung stellt eine ökonomische Herausforderung für den Infrastrukturausbau, insbesondere auch für die Stromnetze, dar“, schreiben die Experten des Berliner Beratungsunternehmens Adelphi, die die Stromausfälle von 2016 und 2017 analysierten.

Mit einer Speicherkapazität von 129 MWh und einer Leistung von 100 MW ist die Hornsdale Power Reserve aktuell die weltgrößte Lithium-Ionen Batterie. Sie dient als Backup für den Windpark, soll die Netze stabilisieren und den fluktuierenden Output der Windmühlen glätten. Das ökonomische Geschäftsmodell lautet: In Zeiten schwacher Nachfrage wird günstig aufgeladen, in Hochpreiszeiten wird der gespeicherte Strom dann teuer verkauft.

Südaustralien Testfeld für die Welt

Die Batterie besteht aus zwei Leistungseinheiten: Die eine Einheit kann 70 MW bis zu 10 Minuten lang ins Netz abgeben. Die zweite Einheit von 30 MW kann bis zu 3 Stunden lang Lasten verschieben. So gibt sie etwa Strom ab, wenn wie in der aktuellen Hitzewelle die Klimaanlagen in den bevölkerungsreichen Staaten Südostaustraliens auf Hochtouren laufen und der australische Strommarkt kaum noch Reservekapazitäten hat. Besonderer Vorteil im Vergleich zum Dispatch bei Gaskraftwerken: Die Leistung kann in Millisekunden zur Verfügung gestellt werden. Bereits einen Tag vor der Einweihung speiste die Batterie zum Ausgleich einer nachmittäglichen Bedarfsspitze Strom ein und half damit, das Netz zu stabilisieren. Am 14.12. gab sie im Rahmen von Tests der Betreiberfirmen Tesla und Neoen erstmals die komplette Leistung von 100 MW ins Netz ab.

Weitere Batteriegroßprojekte auf dem fünften Kontinent sind geplant. Allein die Lyon Group kündigte Investitionen von einer Milliarde Austral-Dollar (650 Mio. €) an. In fünf australischen Bundesstaaten sollen bis zum Jahr 2020 ein Dutzend Megawattbatterien in Verbindung mit Solar-Großkraftwerken gebaut werden. Der Weltrekordstatus der Tesla-Batterie in Hornsdale dürfte nicht allzu lange Bestand haben. Für Giles Parkinson von RenewEconomy ist nicht nur die Kohle in Australien ein Auslaufmodell: „Wind und Solar gekoppelt mit Speicherung sind bereits heute billiger als Gas.“

Reinhard Siekemeier

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