ÖKOPORTAL - Das Webverzeichnis der Ökobranche






Hier klicken

Editorial


Etwas mehr Tempo, bitte!

Nun geht es ihnen zu schnell? Stephan Kohler, Chef der Deutschen Energie-Agentur (Dena), fordert deutliche Einschränkungen beim Solar- und Windenergieausbau. Das Netz verkrafte das Ausbautempo nicht mehr. „Es kann nicht sein, dass wir Photovoltaik und Windenergie zubauen, die man gar nicht mehr ins Netz integrieren kann“, sagte der Geschäftsführer der halbstaatlichen Dena Mitte Januar der DPA.

Zumindest in einem Punkt hat er zugegebenermaßen Recht: Der Netzausbau läuft viel zu schleppend. Eine Dena-Netzstudie folgt der nächsten, ein Energieleitungsausbaugesetz 2009, ein Netzausbaubeschleunigungsgesetz 2011 – und dazwischen nicht viel. Zumindest nicht in der Praxis. Der Ausbau der Trasse Hamburg-Schwerin zum Beispiel wurde von der Dena schon 2009 als vordringlich eingestuft. Ertüchtigt ist die Leitung durch die zuständigen Übertragungsnetzbetreiber bis heute nicht.

Doch jene Übertragungsnetzbetreiber sollen nun das Tempo der Energiewende vorgeben? Kohler fordert nämlich nichts anderes, als dass die Erzeugungsanlagen nur so schnell ausgebaut werden dürfen, wie dem Netz entsprechende Kapazitäten für das Mehr an Strom zugestanden werden. Die Netzbetreiber sollen nun also zum Tempomacher werden. Deren Tempohärte in Sachen Energiewende darf aber zumindest kritisch hinterfragt werden. Denn die Eigeninitiative von Tennet & Co lässt durchaus zu wünschen übrig. Und der politische Druck reicht nicht aus, um die Motivation zu steigern.

Freilich haben die Übertragungsnetzbetreiber mit ernsthaften Problemen zu kämpfen. Da ist zum Beispiel der Bürgerwiderstand, der vielen Projekten als Bremsklotz am Bein hängt. Doch die Ausrede, des Bürgers Wille würde den Netzausbau verschleppen, kann zumindest für die Anbindung der Offshore-Windparks nicht herhalten. Hier spielen wohl eher die hohen Kosten eine Rolle, vor denen selbst ein Riese mal zusammenzuckt. Und schließlich kommen bei den Umspannstationen auf hoher See auch noch Lieferprobleme dazu. So eine Umspannplattform ist eben keine Massenware, die minütlich vom Band läuft.

Und zu allem Überfluss kommen in der Netzausbaudebatte auch noch länderpolitische Interessen zum Tragen. Tennet hat den größten Teil des deutschen Hochspannungsnetzes gekauft, nun steht die Tochter des gleichnamigen holländischen Staatskonzerns vor der Herkulesaufgabe, die Nordsee-Windparks ans Netz zu bringen. Das dauert nicht nur, es kostet eben auch – und schwups hängen die deutschen Offshore-Pläne an der holländischen Staatskasse, die wiederum derzeit andere Lücken zu füllen hat.

Und auch an der deutschen Ostküste hakt es. „Über unser Netz wälzt sich Energie aus erneuerbaren Quellen in Deutschland“, klagt der Chef des tschechischen Netzbetreibers CEPS, Vladimir Tosovsky. Deswegen erwägt CEPS wie auch der polnische Netzbetreiber PSE per Stromsperren dem deutschen Ökostrom die Tür zuzumachen. Eine länderübergreifende Lösung sieht anders aus. Und das, wo doch die europäische Elektrizitätsbinnenmarktrichtlinie den ungehinderten Handel mit Strom, einen freien Netzzugang und die diskriminierungsfreie Netznutzung vorschreibt. Nicht viel mehr als noch eine Richtlinie, die nicht zur Beschleunigung taugt. Etwas mehr Tempo, bitte!

Katharina Garus


*Ihre Meinung zum Editorial:
*Name :
*E-Mail :
 
Firma :
PLZ / Ort :
Straße :