Weichenstellung für europäische Strommärkte

Oliver Schäfer bahnt seit 14 Jahren den erneuerbaren Energien den Weg in Brüssel. (Foto: EPIA)
Oliver Schäfer bahnt seit 14 Jahren den erneuerbaren Energien den Weg in Brüssel. (Foto: EPIA)
26.06.2014

Der neue EPIA-Präsident Oliver Schäfer rechnet mit einer Stabilisierung des zuletzt stark geschrumpften europäischen Photovoltaik-Marktes. Im Gespräch mit SW&W betont er die Notwendigkeit, ein Strommarktdesign auf europäischer Ebene zu schaffen.

SW&W: Herr Schäfer, der europäische Photovoltaik-Markt war bis 2012 stets deutlich größer als der Photovoltaik-Markt in allen anderen Ländern zusammen. Das hat sich seitdem drastisch geändert. Der Anteil Europas ist auf etwa ein Viertel des Weltmarktes zusammengeschrumpft. Wird sich die Talfahrt fortsetzen oder gibt es Anzeichen für eine Erholung?

Schäfer: Erst einmal bin ich froh, dass die Photovoltaik-Branche nicht mehr abhängig ist von ein oder zwei Märkten, sondern dass wir jetzt aktiv sind auf allen Kontinenten, Afrika und Südamerika eingeschlossen. Das ist erstmal die gute Nachricht. Die Talfahrt in Europa begann auf einem sehr hohen Niveau, aber sie wird sich in den nächsten Jahren stabilisieren. Ich sehe ein Licht am Ende des Tunnels, der gar nicht so dunkel ist, wie es scheint.

SW&W: Das heißt, Sie halten es für möglich, dass es schon bald wieder aufwärts geht?

Schäfer: Ich denke, der Markt wird etwa zwei Jahre lang in Europa stabil bleiben auf einem Niveau von 10 oder 11 GW, und das ist immer noch eine Menge. Aber wir müssen etwas tun. Die EPIA ist dabei, die Weichen zu stellen für neue europäische Strommärkte. Wir müssen das Strommarktdesign ändern, denn wir können nicht mehr so weitermachen. Wir haben einen Strommarkt, der gemacht wurde für die Energietechnologien des letzten Jahrhunderts. Es gibt eine neue Realität, denn seit 15 Jahren werden in Europa praktisch nur drei Technologien installiert, nämlich Windenergie, Photovoltaik und Gaskraftwerke, und der Rest läuft irgendwo unter ferner liefen. Wenn wir es schaffen, in den kommenden zwei Jahren ein ordentliches Strommarktdesign auf europäischer Ebene hinzubekommen, dann gehe ich davon aus, dass die 10 GW von gestern sind und wir wieder 20 GW erreichen können.

SW&W: Die Europäische Kommission hat sich das Ziel gesetzt, den Anstieg der erneuerbaren Energien bis 2030 auf 27 % zu steigern. Das sind nur sieben Prozentpunkte mehr als für 2020 vorgesehen. Welchen Anteil hält die EPIA für möglich und welche Chancen sehen Sie, einen höheren Anteil als 27 % durchzusetzen?

Schäfer: Politisch und gesetzlich wird man nicht mehr erreichen, als 27 % als Minimalziel festzusetzen. Das sind die Realitäten, die man anerkennen muss. Denn im Europäischen Rat sind die meisten Mitgliedsstaaten dagegen, sich auf verbindliche Ziele festzulegen, und deswegen werden 27 % ein Minimalziel sein. Aber darauf schielen wir als EPIA gar nicht mehr, denn ich glaube, wir können viel weiter gehen. Wenn wir das Strommarktdesign verändern, sodass es einen Strommarkt gibt, der nicht mehr alte Kapazitäten von Kohle- und Kernenergie, sondern neue flexible Stromerzeugung belohnt und grenzkostenfreie Technologien wie Windenergie und Photovoltaik auch ordentlich vergütet werden, dann können wir viel weiter gehen. Dann müssen wir nicht mehr über Marktanteile der Photovoltaik von 5 oder 6 % sprechen, sondern von 15 oder 20 %. Da wollen wir hinkommen, aber das erfordert neue Allianzen. Deswegen diskutieren wir gerade, ob es nicht sinnvoll ist, für eine Übergangszeit eine Allianz zu schmieden zwischen Windenergie, Photovoltaik und Gaskraftwerken, weil es einfach die Realität der vergangenen 15 Jahre wiederspiegelt und technologisch zusammenpasst

SW&W: Die europäische Photovoltaik-Industrie ist kräftig gerupft worden in den vergangenen Jahren. Die Modul-Produktion ist inzwischen überwiegend in Ostasien angesiedelt. Wie kann die europäische Photovoltaik-Industrie ihre Wettbewerbsfähigkeit wieder verbessern?

Schäfer: Nur durch technologischen Fortschritt. Denn die Standardmodule kann man in Ostasien billiger produzieren, und auch mit hoher Qualität. Das ist vergleichbar mit der Textilindustrie. Wir produzieren ja auch kaum noch Textilien in Europa. Man kann sich aber durch technologischen Vorsprung unterscheiden. Es gibt Unternehmen, die höhere Wirkungsgrade erreichen oder generell andere Qualitäten und zusätzlichen Service anbieten. Wenn sich die europäische Photovoltaik-Industrie darauf konzentriert, den technologischen Vorsprung, den sie in Europa seit Jahren aufgebaut hat, zu halten, dann ist sie auch wieder auf einem guten Weg.

SW&W: Also nicht mehr einzelne Module und Wechselrichter zu verkaufen, sondern komplette Systeme, die nicht nur Leistung bringen, sondern auch Systemdienstleistungen?

Schäfer: Wir können nicht einfach nur ein kleines Photovoltaik-Produkt in unserer Strommarktnische anbieten. Wir müssen dahin kommen, dass wir Systeme anbieten, die den Leuten genau das liefern, was sie haben wollen. Der Toaster und die Waschmaschine müssen immer funktionieren, zu jeder Tageszeit. Wir müssen zu einem seriösen Anbieter am Strommarkt werden und Energiedienstleistungen anbieten, komplette Systeme, die den Leuten Energie rund um die Uhr bereitstellen. Deswegen müssen wir weiter denken und zumindest für eine Übergangszeit mit konventionellen Stromerzeugern kooperieren, die mit Windenergie und Photovoltaik vereinbar sind. Kohle- und Kernenergie können es bestimmt nicht sein.

SW&W: Zeichnet sich eine Zweiteilung der Industrie ab in dem Sinne, dass die Standardprodukte, also Module und zunehmend auch Wechselrichter, in Ostasien hergestellt werden und die europäischen Hersteller sich darauf konzentrieren, komplette Systeme und die dafür erforderlichen Komponenten zu entwickeln? Also Smarthome-Systeme und Speichersysteme, aber auch spezielle Montagesysteme?

Schäfer: Ich glaube, genau da geht es hin, was ich aber überhaupt nicht schlimm finde. In der Textilindustrie ist es ja auch so. Die Kleidung wird überwiegend in Asien produziert und nicht in Europa, aber die Bekleidungsfirmen, die uns anziehen, sind in Europa zu Hause. Und deshalb finde ich es gar nicht tragisch, wenn Standardkomponenten hauptsächlich in Asien produziert werden, solange der ganze Rest in Europa bleibt. Wenn das Knowhow, um Systemdienstleistungen anzubieten und Speichersysteme zu entwickeln, in Europa bleibt, bin ich froh. Ebenso wird es aber auch weiterhin Produktionsstandorte in Europa geben, sei es für Wechselrichter oder Module, nur eben auf einem geringeren Niveau als vor Jahren.

SW&W: Der europäische Photovoltaik-Maschinenbau war immer eine verlässliche Stütze der in Europa angesiedelten Photovoltaik-Industrie. Es zeichnet sich aber ab, dass auch die Chinesen Maschinen bauen können. Wird der europäische Maschinenbau noch auf absehbare Zeit führend bleiben oder werden immer mehr hochwertige Maschinen in Ostasien gebaut?

Schäfer: Ich glaube, das ist ein richtig gutes Beispiel, um zu zeigen, dass technologischer Vorsprung eine ganz bedeutende Rolle spielt und den großen Unterschied ausmachen kann. Deswegen wird der Maschinenbau immer noch dominiert von europäischen Unternehmen und genau so kann es auch mit anderen Teilen der Wertschöpfung funktionieren. Zwar wird es auch auf diesem Gebiet eine Verschiebung geben, aber den technologischen Vorsprung der Europäer aufzuholen, wird nicht so leicht sein und deswegen bin ich sehr optimistisch, was die Zukunft des europäischen Maschinenbaus angeht.

SW&W: Wir haben in den vergangenen Jahren gesehen, dass die Preise schneller gesunken sind als die Produktionskosten, mit dem Ergebnis, dass nicht nur in Europa, sondern auch in Asien viele Photovoltaik-Fabriken schließen mussten. Ist nun damit zu rechnen, dass sich die Preise wieder erholen und dass sie auskömmlicher werden für die Produzenten? Oder geht der Preisverfall munter weiter?

Schäfer: Ich habe den Eindruck, dass die Preise sich momentan stabilisieren und auch erst einmal eine Weile relativ stabil bleiben werden. Aber natürlich müssen wir daran arbeiten, die Preise weiter zu senken, wenn auch nicht in dem Tempo wie in den vergangenen Jahren, als der Preisverfall tatsächlich zu erheblichen Einschnitten geführt hat und die Konsolidierung der Branche beschleunigt hat. Die Konsolidierung war grundsätzlich notwendig, aber für viele Unternehmen zu schnell. Lasst uns also weiter an Preissenkungen arbeiten, aber in einem moderaten Tempo, das gesund und nachhaltig ist.

Das Interview führte Detlef Koenemann.

 

*Oliver Schäfer bahnt seit 14 Jahren den erneuerbaren Energien den Weg in Brüssel: von 2000 bis 2004 als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Europa-Abgeordneten Mechtild Rothe (SPD), anschließend als Policy Director des European Renewable Energy Council (EREC) und seit 2009 als Direktor für Marktentwicklung und Politik der SunPower Corporation.

Oliver Schäfer hat am 10. März Winfried Hoffmann als Präsident der European Photovoltaic Industry Association (EPIA) abgelöst.

 

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