Ein Schwarm von Speichern in Franken

Akteure des Swarm-Projekts in der Leitwarte von N-ERGIE – ganz rechts N-ERGIE-Vorstandschef Josef Hasler. (Foto: Wraneschitz)
Akteure des Swarm-Projekts in der Leitwarte von N-ERGIE – ganz rechts N-ERGIE-Vorstandschef Josef Hasler. (Foto: Wraneschitz)
28.05.2015

Im Netzgebiet des fränkischen Energiekonzerns N-ERGIE AG entsteht ein virtueller Großstromspeicher mit über einem Megawatt Leistung. 75 Speicher der Caterva GmbH sollen ihre Kapazitäten bündeln. Gleich drei Lehrstühle der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen (FAU) unterstützen das Gemeinschaftsprojekt durch eine Begleitstudie.

„Wir haben den Stromspeicher neu erfunden!“ Zurückhaltend ist sie nicht, die Caterva GmbH aus Pullach im Isartal. Dabei hat das Start-Up-Unternehmen auf den ersten Blick nur Bekanntes im Programm: Stromspeicher mit einer Leistung von 20 kW und einer Kapazität von 21 kWh, die in Häusern mit PV-Anlagen auf dem Dach installiert werden. Tatsächlich aber sind sie sehr wohl innovativ, die Batterieschränke, mit französischen SAFT-Lithium-Ionen-Akkus bestückt und von Siemens in Deutschland hergestellt. Denn deren Elektronik macht es möglich, viele von ihnen via Mobilfunk zu einem virtuellen Großspeicher-„Schwarm“ zu vernetzen, selbst in weit verzweigten Verteilstromnetzen.

Regelenergie aus dezentralen Quellen

Aktuell wollen Caterva und der Fränkische Stromkonzern N-ERGIE AG auf solch virtuelle Art insgesamt 75 kleine zu einem über 1.000 kW großen Speicher zusammenschalten. Denn ab 1 MW akzeptieren die Übertragungsnetzbetreiber so genannte Regelenergie, vergleichbar mit einem auf Knopfdruck an- und abschaltbaren Kraftwerk. Im Fall dieses mit dem englischen Titel „Swarm“ versehenen Projekts geschieht das direkt von der Leitwarte der N-ERGIE in Nürnberg aus.

Wissenschaftlich begleitet

Caterva und N-ERGIE haben sich für Swarm einen dritten Partner ins Boot geholt: Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, kurz FAU. Gleich drei Lehrstühle aus den Bereichen Elektrische Energiesysteme, Informatik und Wirtschaftstheorie haben sich erfolgreich um Forschungsgelder des Versorgers beworben. Dabei soll eine Begleitstudie zu Swarm entstehen, die Antworten auf technische und wirtschaftliche Fragestellungen gibt. 2,5 Mio. € Forschungsunterstützung über fünf Jahre hat N-ERGIE insgesamt ausgelobt. Dafür erwartet deren Vorstandsvorsitzender Josef Hasler „angewandte Forschung, Forschungsergebnisse, die für unser Unternehmen profitabel zu verwenden sind, in der Wertschöpfung verarbeitbar“.

Die 2013 gegründete Caterva widmet sich nach eigener Darstellung der Entwicklung und dem Betrieb zentral gesteuerter, dezentraler Energiespeichersysteme. Zur Kooperation mit dem Unternehmen sagt Josef Hasler: „Es macht Spaß, mit Firmen von außerhalb der Energiewirtschaft zusammenzuarbeiten.“

Erkenntnisse für Netzbetrieb und Speichernutzung

Auch wenn das Forschungsbegleitprogramm gerade angelaufen ist: Prof. Matthias Luther von der FAU ist schon jetzt sicher: „Dieses einzigartige Projekt wird uns neue Erkenntnisse für den Umbau der Energiesysteme liefern.“ Mit mehreren Simulatoren „für das Gesamtspiel zusammenwirkender Systeme“ will Prof. Reinhard German herausbekommen, wie die Informationstechnologie (IT) zu optimieren ist: Der Nutzen aller Akteure, also auch für die Hausbesitzer, sei die „Kernfrage“. Und die Sozialwissenschaftler um Prof. Veronika Grimm wollen erfahren: Unter welchen Bedingungen entscheiden sich Privathaushalte künftig für den Speicherkauf und solche Schwarmprojekte?

Noch „Mitmacher“ gesucht

Trotz Fördergeldern sind von den 75 nötigen Speichern erst 35 installiert, gibt Caterva-Chef Markus Brehler zu. Noch suche die Firma Vertragspartner im Gebiet der MDN GmbH, der N-ERGIE-Netztochter. Nur eine Solarstromanlage auf dem Dach zu haben, reicht fürs Mitmachen nicht aus: Der Solarstrom müsse zumindest heute schon zumindest teilweise selbst verbraucht und nicht komplett ins Netz eingespeist werden, lautet die wohl wichtigste Voraussetzung. Dass auch ein ausreichender Netzanschluss und ein großer Raum zum Aufstellen des Speichers vorhanden sein müssen, sind weitere Kriterien.

Die Mitmacher seien dabei Vorkämpfer für den Umbau der Stromversorgung. So jedenfalls drückt es Josef Hasler aus. Für ihn ist „die Zeit der reinen Stromverbraucher vorbei“: Speicher als kleine, bei Bedarf abrufbare Kraftwerke würden bisherige Stromkunden zu Partnern machen und „am langen Ende wesentlicher Bestandteil eines integrierten, dezentralen Stromnetzes“, sagt der N-ERGIE-Chef voraus. Beim Thema Speicher darf man ruhig mal schwärmen.

Heinz Wraneschitz

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