„LISTEN“: Smart Home is watching you

Smart Home-Fortschritt oder Totalüberwachung? LISTEN macht's möglich (Foto: dpa picture alliance)
Smart Home-Fortschritt oder Totalüberwachung? LISTEN macht's möglich. (Foto: dpa picture alliance)
07.10.2015

Unter dem Titel „LISTEN” wird im Rahmen eines neuen EU-Projekts ein Freisprechsystem zur Steuerung von Smart Home-Anwendungen entwickelt. Partner aus Deutschland, Griechenland und Italien arbeiten gemeinsam an einer natürlich-sprachlichen Schnittstelle, die sowohl Web-Services als auch Funktionen in sogenannten „Intelligenten Häusern“ steuern soll.

Das Ziel des EU-Projekts klingt bürgerfreundlich: Durch Softwaresysteme zur Steuerung der Temperaturregulierung, der Beleuchtung, der Medien und zur Kommunikation soll das Wohnen in den eigenen vier Wänden angenehmer und erschwinglicher werden. Besonders für ältere Menschen oder Personen mit Behinderungen sollen von Smart Home-Systemen im Alltag profitieren. Doch die Steuerung solcher Systeme ist der EU noch viel zu kompliziert. Daher rief sie ein Projekt ins Leben, das sich einer simplen Schnittstelle bedient: unserer Stimme.

Dafür arbeiten Experten aus der Sprachtechnologie und der Signalverarbeitung zusammen. Sie entwickeln ein Spracherkennungssystem für intelligente Wohnungen, mit dem auch Internetanwendungen wie Suchmaschinen, E-Mails und soziale Netzwerke robust und natürlich-sprachlich genutzt und gesteuert werden können. Zwei Kern-Komponenten sind dabei große Erkennungsvokabulare sowie eine geeignete Anordnung von Mikrofonen im Gebäude.

„Wir werden unser Spracherkennungssystem dergestalt optimieren, dass damit sowohl Internet-Dienste als auch Smart- Home-Funktionen genutzt werden können“, sagt Dr. Siegfried Kunzmann, F + E Leiter am EML. „Wir werden außerdem mehrere Sprachen unterstützen.“ Der Fokus des Projekts liegt gegenwärtig auf Englisch, Griechisch, Italienisch und Deutsch.

Die Vision der Ingenieure ist, dass Smart Home-Bewohner mit dem System ausschließlich durch die Stimme interagieren. Das soll dabei so beschaffen sein, dass die Nutzer sich nicht einem Mikrofon, einem anderen elektronischen Gerät oder einem Headset zuwenden müssen. Für diese schwierige Aufgabe ist vielmehr ein robustes Aufnahmesystem geplant, das als drahtloses Netzwerk aus Akustiksensoren arbeitet. Wo immer sich die Bewohner in der Wohnung befinden – das Smart Home hört ihnen zu – in Echtzeit.

Start des auf vier Jahre angelegten Projekts war der 1. Juni 2015. Eine zentrale Rolle im Projekt spielen die EML European Media Laboratory GmbH aus Heidelberg, die ihr Spracherkennungssystem zur Verfügung stellen wird, die Gruppe Sprachverarbeitung und Mustererkennung der RWTH Aachen, Cedat 85 (Italien) und die griechische Foundation for Research and Technology Hellas (FORTH), die auch die Projektkoordination übernommen hat.

Volker Buddensiek

Kommentar (manche Meldungen können nicht ohne Kommentar veröffentlicht werden):

Wenn das George Orwell noch erlebt hätte: Mikrophone in jedem Raum überwachen jede Äußerung der Bewohner und analysieren sie in Echtzeit – natürlich nur, um wie der Geist aus der Flasche die Wünsche ihrer Herrschaften sofort zu erfüllen. Kein mühsames Programmieren von Smart-Home-Applikationen mehr, das Haus weiß, wann der Bewohner friert und regelt genau im richtigen Raum die Heizung höher. Das ist doch wunderbar! Freuen wir uns darauf!

Aber können wir uns wirklich darauf freuen? Historische Erfahrung sagt uns doch, dass Technologien immer auch für Dinge ausgenutzt werden, die ihre Entwickler und ihre Anwender ursprünglich nicht wollten. Jetzt also ein Haus, das jedes Geräusch aufnimmt und irgendwo in der Cloud analysiert. Da sind Missbrauch und Überwachung vorprogrammiert. Privatsphäre gibt es nur noch beim Waldspaziergang. Um es drastisch zu sagen: Nicht jeder, der auf der Toilette stöhnt, möchte als nächstes Werbung für Abführmittel erhalten. Noch weniger möchte man vielleicht Werbung für Viagra erhalten, weil das Smart Home lange kein Stöhnen mehr aus dem Schlafzimmer in die Cloud übertragen hat.

Oder anders gesagt: Ich möchte entscheiden können, wann und was ich mit dem Smart Home kommuniziere. Ein System, dass mich dieser Entscheidung beraubt, brauche ich nicht – und sei es noch so bequem.

Volker Buddensiek

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