Wie die EU-Kommission Europa heizen will

Europa soll auch beim Heizen näher zusammenrücken. Dahin ist es aber  noch ein langer Weg. (Foto: dpa)
Europa soll auch beim Heizen näher zusammenrücken. Dahin ist es aber noch ein langer Weg. (Foto: dpa)
08.02.2016

Vor einem guten Jahr hat die EU-Kommission bekannt gegeben, eine Strategie für den europäischen Wärme- und Kältemarkt zu entwickeln. Das Thema sollte endlich in der europäischen Klimapolitik ernst genommen werden. Nun ist ein Entwurf dieser Heating & Cooling Strategie geleaked worden.

Im Februar 2015 veranstalte die Europäische Kommission eine Auftaktkonferenz, um die Entwicklung einer Heating & Cooling Strategie für die EU anzustoßen. Das war auch bitter nötig, genau wie in den meisten EU-Staaten hat auch Brüssel bisher bei der Energiewende zu einseitig auf den Stromsektor gesetzt.

Ein erster Entwurf dieser Strategie, die vermutlich in Kürze offiziell veröffentlicht werden soll, ist nun im Internet aufgetaucht. Bei dem Dokument handelt es sich um ein 12 Seitiges Kommuniqué  der Kommission an das EU-Parlament.

Was ist der Status Quo?

Interessante Zahlen aus der EU-Strategie:

  • 80 % des Wärme- und Kältebedarfs geht in Nordeuropa für die Raumheizung drauf.
  • Zwei Drittel aller EU-Gebäude wurden gebaut, als es keine oder nur rudimentäre Regeln zum Energieverbrauch gab
  • 40 % mehr Energie verbrauchen gewerbliche Gebäude durchschnittlich, als gleich große Wohngebäude
  • 6 % ihres Einkommens geben EU-Bürger zum Heizen auf
  • 11 % der EU-Bürger können es sich nicht leisten ihre Wohnung im Winter ausreichend zu heizen
  • 15 % des Wärmebedarfs in Europa wird noch immer durch Kohle gedeckt
  • 29 % des Wärmebedarfs von Wärmenetzen wird durch Kohle gedeckt.
  • 9 % des europäischen Wärmebedarfs wird mit Wärmenetzen bereitgestellt

Besonders viel Strategie findet sich in dem Dokument bisher nicht. Relativ viel Platz räumt das Papier dafür der Bestandsaufnahme auf. Das war allerdings auch zu erwarten, schon bei der Auftaktkonferenz 2015 gestand die Kommission ein, dass man relativ wenig über den gesamteuropäischen Wärme- und Kältemarkt wisse und vor allem erst einmal Daten sammeln müsse.

Diese Daten sind tatsächlich sehr interessant, zeigen aber auch, dass noch sehr viel zu tun ist. So verbraucht der Wärme- und Kältesektor laut dem Strategiepapier Europa gut 50 % der Endenergie. Davon wiederum werden 45 % für Wohngebäude, 37 % in der Industrie und 18 % im Dienstleistungssektor verbraucht.

Obwohl keiner dieser Sektoren klein genug zum Ignorieren ist, sind die Wohngebäude offensichtlich die wichtigste Baustelle. Allerdings ist die Sanierungsrate in Europa auf einem erschreckend niedrigem Niveau. Sie liegt zwischen 0,4 bis 1,2 %. Um Europas Klimaschutzziele zu erreichen, ist das viel zu niedrig.

Freiwilligkeit und Transparenz im Mittelpunkt

Konkret anstoßen möchte die Kommission vor allem Maßnahmen, die auf Informationen und Freiwilligkeit abzielen. So soll etwa die EPDB-Gebäuderichtlinie (Energy Performance of Buildings Directive) überprüft werden und Effizienzzertifikate und Energielabel gestärkt werden. Das ist vor allem die Fortführung der bisher schon beschlossen Maßnahmen. Hierunter fällt etwa das Effizienzlabel für neue Wärmeerzeuger, das seit September 2015 Pflicht ist.

Immerhin soll das System europaweit auch auf bestehende Heizungen ausgeweitet werden. Bislang ist das nur in Deutschland der Fall, wo ebendies zum 1. Januar 2016 eingeführt wurde.

Zwar wohnen 70 % der europäischen Bürger in Wohnungen, die sie auch selbst besitzen, aber dennoch soll auch das Mieter/Vermieterdilemma angegangen werden, um Vorteile und Kosten von energetischen Sanierungen fair zu verteilen.  Wie bei vielen anderen Maßnahmen auch, wird aber nicht klar, wie genau das geschehen soll. Das Thema soll lediglich untersucht werden.

Weitere Themen die angesprochen – aber nicht wirklich konkretisiert werden – sind Anreize für die stärkere Nutzung erneuerbarer Energien, die Kopplung von Strom und Wärmemarkt, etwa durch Wärmenetze und Wärmepumpen, und bessere Finanzierungsmöglichkeiten für Energieeffizienzmaßnahmen und erneuerbare Energien. Der große Wurf ist diese Strategie nicht. Das war vermutlich auch nicht zu erwarten. Vieles hängt davon ab, wie die einzelnen Punkte nun konkret umgesetzt und ausgestaltet werden. Das wird sicher eine ganze Weile dauern.

Kritisch Hinterfragt wird nicht

Einige Themen geht die Strategie auch ein wenig naiv an. So sollen sowohl erneuerbare Energien und Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) eine wichtige Rolle spielen. Damit die Technologien aber effizient zusammenarbeiten können, statt unnötig in Konkurrenz zueinander zu stehen, braucht es die richtigen Rahmenbedingungen. Wirklich gut funktioniert das bisher einzig und allein in Dänemark.

Ebenso gelten laut der Strategie Smart-Homes als wichtiger Baustein, da Haushalte damit ihren Energieverbrauch intelligent steuern und so Effizienzpotenziale heben könnten.  Allerdings gibt es auch zahlreiche Stimmen, die hier kritischer argumentieren würden. Sowohl der zweifelhafte Kosten-Nutzen-Faktor, als auch datenschutzrechtliche Bedenken greift die EU-Kommission nicht auf.

Hoffnung macht immerhin die Aussage, dass der Endkunde im Fokus stehen müsse. Das hat schon mal gut funktioniert, nämlich beim Strom. Investitionen in Wind- und Solarstrom wurden in der Vergangenheit in vielen Ländern zum Großteil von Privatpersonen getragen, warum sollte das nicht auch bei der Wärme klappen?

Jan Gesthuizen

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