Ökodesign: Verdrängung statt Transparenz

Das Verbundanlagenlabel für Kombiheizgeräte mit Temperaturreglern und Solareinrichtungen: Bei der Verbundanlage können die Solarkollektoren punkten und die Klasse verbessern. Das gilt besonders für die Warmwassererzeugung. (Grafik: EU)
Das Verbundanlagenlabel für Kombiheizgeräte mit Temperaturreglern und Solareinrichtungen: Bei der Verbundanlage können die Solarkollektoren punkten und die Klasse verbessern. Das gilt besonders für die Warmwassererzeugung. (Grafik: EU)
19.12.2014

Ab dem 26. September 2015 soll europaweit ein verbraucher­­freund­liches Ampelsystem bei der Entscheidung für eine energieeffiziente Heizung oder Warmwasserbereiter helfen. Fachhändler erwarten von der Ökodesign-Richtlinie der EU dagegen, dass sie Käufer und ­Installateure eher verunsichert. Und die Solarthermiebranche sorgt sich um ihre Spezialanbieter.

Solarfachhändler Christian Nothaft gibt der Verbrauchskennzeichnung für Heizungen keine gute Wertung. Aus mehreren Gründen: „Aus unserer Sicht würde ich dem Ökodesign-Label für Heizsysteme vor allem die Adjektive wettbewerbsverzerrend, bürokratisch, überflüssig und irreführend geben.“ Wettbewerbsverzerrend, weil sie das Handwerk zwinge, komplette Anlagen bei den Systemlieferanten abzunehmen. Bürokratisch, weil es eine enorme Mannschaft an Ingenieuren und Technikern brauche, um eine Vielzahl an neuen Messwerten zu ermitteln. Überflüssig, weil es in Deutschland bereits zahlreiche Regelwerke gebe, wie zum Beispiel die Energieeinsparverordnung oder diverse VDI-Richtlinien, die Heizsysteme besser in Bezug auf den Anwendungsfall klassifizieren würden. Irreführend schließlich, weil sie Verbraucherinnen und Verbrauchern suggeriere, sie würden ein hocheffizientes System kaufen, obwohl das von den örtlichen Gegebenheiten und Rahmenbedingungen abhänge.

Auch Karl Endrich, Geschäftsführer der zur GC-Gruppe gehörenden Haustechnikhandelsfirma Karl Endrich, weist darauf hin, dass sich die Qualität der Installation auf die Energieeffizienz einer Heizungsanlage auswirkt. Oft hätten zum Beispiel Luft-Wärmepumpen sie die angegebenen Werte für die Leistungszahl wegen Mängeln bei der Installation nicht erreicht. Entweder waren die Außenlufteinheiten an ungünstigen Orten aufgestellt, Rohrleitungen unzureichend gedämmt oder Heizkörper falsch dimensioniert. Endrich glaubt deshalb nicht, dass die Energiekennzeichnung zu einer ähnlichen Transparenz hinsichtlich des Energieverbrauchs führen wird wie bei Geschirrspülern, Waschmaschinen oder Wäschetrocknern.

Händler fürchten um Innovation

Das aufgeblasene Bewertungssystem kann zusätzlich verwirren. Während in der Schule eine Eins eine sehr gute Leistung auszeichnet, eine Zwei ein gute, eine Drei eine befriedigende usw., müssen die Verbraucherinnen und Verbraucher bei der EU­Notenvergabe versuchen, die Unterschiede zwischen einer sehr guten Energieeffizienz, einer sehr sehr guten und einer sehr sehr sehr guten herauszufinden.  Die Bewertungsskala bei Heizsystemen und Warmwassergeräten bis 70 kW Leistung reicht in der Ökodesign-Richtlinie nämlich von A+++ bis G. Das kommt daher, dass der Maßstab weniger auf einer leistungsorientierten Bewertung basiert als auf einer politischen Entscheidung. Gäbe es die Unterscheidung in verschiedene A-Klassen nicht, hätten die konventionellen Heiztechnologien zu schlecht abgeschnitten. Das wusste die Heizungsindustrie zu verhindern.

Solarfachhändler Nothaft fürchtet nicht nur, dass Käuferinnen und Käufer verunsichert werden, sondern dass auch die Innovation durch das Ökodesign-Label leiden wird: „Sonderanlagen oder Sonderbauformen werden zunehmend vom Markt verschwinden.“

 

Installateure müssen Systemeffizienz berechnen

Für Handwerker, Händler und Hersteller bedeutet die Ökodesign-Richtlinie in jedem Fall einen großen Aufwand. Die Berechnung, in welche Effizienzklasse das gesamte Heizungssystem einzustufen ist, obliegt dagegen dem Fachhandwerk. Installationsfirmen müssen die Energieklassen in ihren Angeboten angeben und die in ihren Schauräumen ausgestellten Produkte und Systeme mit dem Label auszeichnen. Handwerksbetriebe, die ihre Ware von einem Systemanbieter beziehen, sind deshalb im Vorteil. Sie können alle Komponenten als vorgefertigte und bereits deklarierte Systeme installieren. Die Berechnung des Paketlabels, das sie mit in ihr Angebot aufnehmen müssen, hat in diesen Fällen der Hersteller bereits erledigt.

Nicht wenige glauben deshalb, dass Installateure künftig vermehrt auf Paketlösungen der großen Systemanbieter zurückgreifen werden. Die Konsequenz aus dieser Entwicklung schildert Uwe Marx, Geschäftsführer vom Solarfachhandel Estec: „Die Marktvielfalt wird gebremst. Die großen Konzerne werden die Gewinner sein, die Kunden zusammen mit den kleinen und mittelständischen Unternehmen die Verlierer.“

Solarthermie außer der Wertung

Auch der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW-Solar) fürchtet, dass Installationsbetriebe auf Komplettsysteme ausweichen werden, was die Absatzchancen innovativer Spezialanbieter verringern würde. Solarthermieanlagen für sich allein bekommen keine Effizienzkennzeichnung. Weil sie wenig Strom für Pumpen und Regelung benötigen, um Energie aus der Sonnenstrahlung zu gewinnen, hätten sie das Bewertungsschema gesprengt. Außerdem werden sie nur selten allein betrieben. Auch aus diesem Grund werden sie im Zusammenspiel mit anderen Wärmeerzeugern bewertet. Dabei können sie aber die Labelklasse des Gesamtpakets verbessern. So kann ein Gas­-Brennwertkessel mit einem B-Label durch die Kombination mit einer Solarthermieanlage ein oder zwei Klassen aufsteigen, beispielsweise auf A+.

Für Kollektorhersteller bedeutet das, dass sie das Handwerk dahingehend ausbilden müssen, Paketlabel für solarthermische Systeme eigenständig anfertigen und dabei Komponenten verschiedener Hersteller kombinieren zu können. Komponentenanbieter werden künftig also besondere Schulungsleistungen anbieten müssen. Weil das einen großen Aufwand bedeutet, sucht der BSW-Solar nach einer zentralen Branchenlösung für Systemangebote mit Komponenten verschiedener Hersteller. Noch im November entscheidet sich, ob ein entsprechender Projektantrag bei der EU bewilligt wird.

Fachhändler suchen bereits nach Softwarelösungen, mit denen sie ihre Handwerkskunden bei der Energiekennzeichnung unterstützen können. „Wir werden ähnliche Leistungen bringen müssen, wie sie auch von den großen Systemlieferanten geleistet werden. Wer hier dem Handwerker nicht adäquat Hilfestellung gibt, wird sich noch einige Zeit darum drücken können, jedoch schon bald vom Markt verschwinden“, sagt Nothaft. Fachhändler werden eine zusätzliche Dienstleistung anbieten müssen, die nichts kosten darf.

Joachim Berner

Dieser Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 11/2014 der Sonne Wind & Wärme. Sie können den vollständigen Artikel in unserem Artikelarchiv herunterladen.