Das Kollektor-Label führt in die Irre

Uwe Trenkner begann seine Solarthermiekarriere 2002 beim europäischen Solarthermieverband ESTIF als Projektmanager. Von 2005 bis 2009 war er dann Generalsekretär des Verbandes. Heute arbeitet er als Berater der Solarthermiebranche. Außerdem ist er Mitgründer der Jobplattform greenjobs.de und eejobs.de. (Foto: privat)
Uwe Trenkner begann seine Solarthermiekarriere 2002 beim europäischen Solarthermieverband ESTIF als Projektmanager. Von 2005 bis 2009 war er dann Generalsekretär des Verbandes. Heute arbeitet er als Berater der Solarthermiebranche. Außerdem ist er Mitgründer der Jobplattform greenjobs.de und eejobs.de. (Foto: privat)
18.08.2015

Die Solarthermiebranche diskutiert darüber, ob man ein eigenes Effizienzlabel für Solarkollektoren einführen sollte. Uwe Trenkner, der von 2005 bis 2009 Generalsekretär des europäischen Solarthermieverbandes ESTIF war, erklärt in einem Gastbeitrag, warum er die Idee ablehnt.

Es ist mittlerweile allen Beteiligten klar geworden, dass das Energielabel für Heizungssysteme bzw. Warmwassergeräte, das im September zur Pflicht wird, kaum differenziert zwischen verschiedenen Solarkollektoren – der Einfluss auf das Gesamtergebnis ist nämlich in der Regel viel zu gering. Das ist auch logisch: Wenn ich bei einer heizungsunterstützenden Solaranlage im Altbau auf ca. 20-30% solaren Deckungsgrad komme, macht eine um 10 % höhere Leistung des Kollektorfelds für das Gesamtsystem nur 2-3 % Unterschied. Nur selten wird das ausreichen, um das Heizungssystem in die nächsthöhere Effizienzklasse zu befördern.

Um dem Kunden dennoch zu zeigen, dass es auch bei den Kollektoren größere Unterschiede gibt, könnte es durchaus Sinn machen, ein Energielabel speziell für Kollektoren zu haben. Dazu muss man sich fragen: Was ist denn ein besserer und was ist ein schlechterer Kollektor? Zu welchem Kollektor wollen wir dem Kunden raten? Und wie müsste dann ein Label aussehen, um den richtigen Anreiz zu vermitteln?

Ende vergangenen Jahres hat Stefan Abrecht in Ausgabe 12/2014 der Sonne Wind & Wärme den Vorschlag für ein Energielabel speziell für Sonnenkollektoren vorgestellt. Auf der Intersolar in München hat Ritter Solar als erster diesen Vorschlag umgesetzt und mit dem "SOLERG"-Label seine Produkte gekennzeichnet. Und spätestens jetzt wird klar, dass das Label in der derzeitigen Form in die Irre führt. Die Solarwärme-Branche sollte es sich gut überlegen, ob sie diesem Beispiel folgen will. Denn das Label setzt klar die falschen Anreize. Warum? Dazu muss man sich fragen, was wir erreichen wollen.

Der Solarertrag als zentraler Punkt

Die allerwichtigste Prämisse zuerst: Unser Ziel ist es doch, die Wärmewende voran zu bringen. Wer die Wärmewende will, muss den Verbrauch konventioneller Energieträger für Heizungszwecke reduzieren. Im Falle der Solarwärme heißt das, dass wir möglichst große Anteile der konventionellen Energieträger durch Wärme aus der Sonne ersetzen. Unsere Produkte tun das, in dem sie die jährlichen Solarerträge maximieren. Der Solarertrag muss also im Mittelpunkt des Labels stehen.

Kollektorjahresertrag im Vergleich zur Effizienzklasse

Das Diagramm zeigt deutlich, dass die Effizienz-Klassen nur wenig über den Jahresertrag des Kollektors aussagen.  Die Daten stammen aus den jüngsten Kollektorübersichten der Sonne Wind & Wärme. Auswahl der Kollektoren ist dieselbe wie im Text beschrieben. (Grafiken (2): Uwe Trenkner)

Weitere Prämissen: In den allermeisten Fällen wird die Größe des Kollektorfelds vom Planer bzw. Installateur aufgrund der Kosten oder zur Erreichung eines gewünschten solaren Deckungsgrades festgelegt: Ob drei, vier oder fünf Kollektoren installiert werden, hängt vom Planer ab und nur selten von der zur Verfügung stehenden Fläche. Und weiterhin: Wenn wir die Wärmewende beflügeln wollen, müssen wir die Wärmegestehungskosten im Blick behalten. Solarthermie wird vor allem dann eingesetzt werden, wenn sie Wärme zu niedrigen Kosten bereitstellen kann.

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Hauptsache A++?

Schauen wir also mal, inwiefern das SOLERG-Label, wie es auf der Intersolar präsentiert wurde, die Anforderungen erfüllt: Das deutlichste Signal für den Kunden geht von den Balken und Energie-Klassen aus. Sie signalisieren dem Kunden "Nimm lieber den A++ Kollektor, nicht den B-Kollektor". Doch leider sagen die Klassen nichts darüber aus, ob ein Kollektor mehr oder weniger Ertrag liefert – es signalisiert nur, wie effizient er die Kollektorfläche zur Wärmebereitstellung nutzt. Eine Beispielbetrachtung anhand des Klassifizierungsvorschlags von Stefan Abrecht: Der Kollektor "CPC 6 XL OEM" von Ritter Solar kommt bei 50°C auf eine Effizienz von 46,5 % und damit ein A++, der  "GK3102 – FL" von GREENoneTEC dagegen nur auf 38,5 % und damit ein A+. Und das, obwohl letzterer mit 4.813 kWh/a fast sechsmal so viel Solarwärme wie der anscheinend bessere Kollektor bereitstellt!

Natürlich ist das GREENoneTEC-Modell mit seinen 10,06 m2 Bruttofläche fast 7 mal so groß wie das Ritter-Modell. Aber wenn wir mit dem Label Anreize schaffen wollen für möglichst hohe Solarerträge, dann versagt das SOLERG-Label auf voller Länge. Von dem A++-Modell müsste ich zwar "nur" 6 Kollektoren (8,7 m2) installieren, um auf denselben Ertrag zu kommen. Aber glauben wir wirklich, dass deshalb ein zusätzlicher Kollektor installiert würde? Wahrscheinlicher ist doch, dass die theoretisch "gesparten" 1,4 m2 leere Dachfläche blieben. Und die darauf fallenden Sonnenstrahlen blieben ungenutzt: Der vermeintliche Vorteil des effizienteren Kollektors verpufft.

Preis-Leistung ist nicht gleich Effizienz

Vielleicht ließe sich die Klassifizierung noch rechtfertigen, wenn die best-platzierten Kollektoren tendenziell auch das beste Preis-Leistungs-Verhältnis böten, also die geringsten Wärmegestehungskosten. Ich habe dazu die jüngsten Kollektorübersichten der Sonne Wind & Wärme ausgewertet. Darin finden sich 232 Flach- und 72 Röhrenkollektoren. Für 58 davon werden sowohl die Jahreserträge aus dem Solar Keymark-Datenblatt als auch ein Listenpreis angegeben. Daraus lassen sich also die Effizienzen entsprechend des Vorschlags von Stefan Abrecht kalkulieren und auch die Wärmegestehungskosten. Für letztere habe ich den Listenpreis durch den Wärmeertrag über 20 Jahre angesetzt. In Diagramm 2 sind lediglich die vier Germanstar-Kollektoren von EuroStar herausgenommen, weil diese mit Abstand mal zu den effizientesten und mal zu den am wenigsten effizientesten Kollektoren zählten und das Bild sehr verzerrt haben. Das Diagramm gibt natürlich keinen vollen Marktüberblick, aber es enthält Kollektoren von sehr unterschiedlichen und zum Teil sehr marktrelevanten Firmen und Marken, wie zum Beispiel Citrin, Junckers, Ritter, Solvis und Viessmann. Es gibt daher einen Hinweis auf die Verteilung insgesamt.

Wärmegestehungskosten im Vergleich zur Effizienzklasse

Tendenziell sind die Wärmegestehungskosten von Kollektoren im mittleren Effizienzbereich am geringsten.

Das Diagramm 2 zeigt einerseits eine hohe Bandbreite der Wärmekosten im Vergleich zur Effizienz, andererseits aber sehr deutlich, dass die geringsten Wärmekosten (zwischen 0,02 und 0,03 EUR/kWh) ausschließlich von Kollektoren im mittleren Effizienzbereich erreicht werden (B bis A+, auf einer Skala von D bis A+++). Die Wärmekosten der Kollektoren im Bereich A++ und A+++ dagegen, liegen zwischen 50 und 130 % höher als die der günstigsten Kollektoren (UFE Eco Star III blue und Junckers FCC-2).

Daher kann das Fazit für das SOLERG-Label in seiner jetzigen Form nur vernichtend ausfallen: Es schafft keinerlei Anreiz für Kollektoren mit höheren Solareträgen. Und durch den Fokus auf die Effizienz werden dann auch noch ausgerechnet die Produkte mit den tendenziell höheren Wärmekosten als erstrebenswert dargestellt. Das sollte die Branche nicht mitmachen.

Uwe Trenkner

Dieser Artikel ist ursprünglich in der Printausgabe Nummer 07+08/2015 der Sonne Wind & Wärme erschienen. Die Zeitschrift können Sie hier abonnieren.