Solarstrom – ein Energiewende-Dilemma?

Stefan Harder argumentiert aus der Sicht des Energiehändlers. (Foto: E.VITA GmbH)
Stefan Harder argumentiert aus der Sicht des Energiehändlers. (Foto: E.VITA GmbH)
04.11.2014

Ein Gastbeitrag von Stefan Harder

Mit einer installierten Leistung von 35,7 GW übertrifft die Photovoltaik alle anderen Energieträger bei der installierten Leistung, liefert aber mit 29,7 TWh p.a. (alle Zahlen 2013) nur einen relativ geringen Anteil an Strom (4,7 %). Gleichzeitig betragen die durchschnittlichen EEG-Vergütungskosten 32 ct/kWh. Leistet sich Deutschland somit ein Subventionsungeheuer, welches nie in einen wirtschaftlichen Betrieb kommen wird? Hierzu ist festzuhalten, dass bei einem solchen Durchschnittswert auch viele Altanlagen mit hohen Vergütungssätzen enthalten sind. Die aktuellen Sätze von 8,79 ct/kWh bis 13,15 ct/kWh werden die PV-Anlagen neuern Typs schrittweise an die Marktpreise heranführen. Auf den ersten Blick wirken auch diese Vergütungen noch hoch.

Aber ist das tatsächlich gerechtfertigt? Bei einer Betrachtung der Peak-Spot-Preise (nur wochentags) und der Spreads fällt auf, dass gerade der Peak-Spread über die Jahre konstant fiel. Diese Entwicklung ging einher mit dem Ausbau der Photovoltaik. Es kann festgehalten werden, dass die Photovoltaik als Lieferant von Tagstrom das Unterangebot an Strom während der Tagesstunden vermindert hat. Diese Situation ist gerade für den klassischen Mittelstand mit Tagesproduktion und volatiler Auslastung erfreulich. Nicht nur die Preissenkungen am Tag wirken sich positiv aus, auch die geringere Schwankungsbreite der Stromkosten macht die Kostenplanung leichter. Die eigentlichen Gewinner dieser Entwicklung sind diejenigen Abnehmer, die von der EEG-Umlage befreit sind. Obwohl sie die dafür notwendigen Anreizsubventionen über das EEG im Unterschied zu den nicht privilegierten Abnehmern nicht mittragen, profitieren sie dennoch von den sinkenden Großhandelspreisen.

Eine Systemkorrektur ist notwendig

Die Photovoltaik wäre in der Startphase ohne die Zuschüsse aus dem EEG nicht lebensfähig gewesen. Dabei werden über das EEG diese Kosten sehr transparent an die Verbraucher aufgezeigt und weitergegeben. Es ist aber nur die halbe Wahrheit, wenn auf der anderen Seite die Subventionierung der klassischen Energieerzeugungsindustrie in der Diskussion vergessen wird. Nach einer Studie des Fraunhofer-Instituts flossen bis 2012 32 Mrd. Euro in die Förderung der Photovoltaik. Nach einer Studie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) wurde die Steinkohle im Zeitraum von 1970 bis 2012 mit 177 Mrd. Euro, die Braunkohle mit 65 Mrd. Euro und die Atomenergie mit 187 Mrd. Euro verdeckt über den Staatshaushalt gefördert. Nicht mit eingerechnet sind die volkswirtschaftlichen Schäden aus der Verschmutzung der Umwelt, die weitestgehend keine Sanktionierung erfahren (von den derzeit sehr niedrigen CO2-Kosten einmal abgesehen). Ebenfalls nicht beachtet werden Aufwendungen für nicht getätigte Rücklagen im Falle eines atomaren Super-GAUs. Eine Studie des Versicherungsforum Leipzig beziffert die finanziellen Schäden eines Super-GAUs in Deutschland auf bis 6 Billionen Euro, die ebenfalls über die Allgemeinheit bezahlt werden müssten.

Es kann somit festgehalten werden, dass der Start in eine neue Form der Energieversorgung in Deutschland – wie auch in der Vergangenheit bei den etablierten Formen - über den Weg der Anschubfinanzierung geht – beim EEG nur offener, transparenter und verursachungsgerechter. Der Wermutstropfen ist weiterhin der rasante Anstieg der EEG-Abgabe, der ein Ausdruck einer verkehrten Schwerpunktsetzung innerhalb der Gesetze der Energiewende ist. Hier seien im Wesentlichen die primäre Fokussierung auf den Ausbau anstatt auf den Transport und die Speicherung der Energie genannt. Hinzu kommen die Industrie-Rabatte, die den Strom für Großverbraucher auf ein Niveau wie vor sieben Jahren führen und die Kopplung der EEG an den Börsenpreis (Börseneffekt). Gerade der Börseneffekt stellt eine nachhaltige Schwäche des EEG dar. Die Veränderung der deutschen Stromerzeugung geht nur über die Entstehung temporärer Angebotsüberkapazitäten. Diese Mehrmengen drücken zwangsläufig den Großhandelspreis. Es ist aber widersinnig, die Abgabenhöhe über das Delta aus Fördersatz und Börsenpreis an einen fallenden Großhandelspreis zu koppeln. Damit werden die positiven Effekte der Energiewende deutlich überkompensiert und ins Negative verkehrt. Hier ist eine dringende Korrektur des Systems notwendig.

Photovoltaik effektiv nutzen

Eine wichtige Maßnahme wäre die sofortige, flächendeckende Einführung von Smart Metern unter gleichzeitiger Aufgabe der Standardlastprofile. Im Standardlastprofil-Verfahren werden, aufgeteilt nach unterschiedlichen Profilen, kleinere Verbrauchskunden in Profilgruppen (z.B. Haushalt, Gewerbe Wochentags, etc.) zusammengefasst. Dabei wird davon ausgegangen, dass diese Kunden in jeder Viertelstunde eines Tages genau so viel Strom verbrauchen wie das Profil veranschlagt. Entsprechend werden alle verbrauchsabhängigen Kostenkomponenten wie z.B. Einkauf und Durchleitung nach diesem Profil ermittelt. Anders gesagt: Verändern die Kunden ihr Verbrauchsverhalten weg von den Standard-Profilen (z.B. Verbrauchsverlagerung aus dem Tag in die Nacht), so hat dieses von der Kostenseite her keine Auswirkung für sie. Sie werden weiterhin nach dem angenommenen Verbrauchsprofil abgerechnet. Wenn das Lastprofil nun aber fällt und auch der kleinere Verbraucher über seine Verbrauchssteuerung seine Energiekosten beeinflussen kann, wird es zu einer Veränderung der Abnahmestruktur kommen und damit werden die temporären Überangebote teilweise aus dem Markt genommen.

Auch gesellschaftlich wird es zu grundlegenden Veränderungen kommen. Die dezentrale Form der Energieerzeugung hat aus 1,4 Mio. Verbrauchern Produzenten von Sonnenstrom gemacht. Neue Formen von Arbeitszeitmodellen oder neue Organisationen von Abläufen in den Betrieben und Haushalten werden die Antwort der Verbraucher auf günstige Strommengen im Markt sein. Die Gesellschaft wird deutlich flexibler werden. Es ist von daher unverständlich, dass dieser wichtige Faktor einer Energiewende gänzlich aus der öffentlichen Diskussion ausgeklammert ist.

Erneuerbare ergänzen sich

Deutschland hat sich der Energiewende verschrieben. Weil erzeugerseitig durchlaufende Grundlastproduzenten weitestgehend abhandenkommen werden, müssen sich ergänzende erneuerbare Erzeugungskapazitäten gefunden werden. Die zweite große erneuerbare Energieerzeugung erfolgt über Wind. Das eigentlich interessante ist, dass Onshore-Wind und Sonne erste Ansätze einer Ergänzung zeigen. Während das Onshore-Windangebot im Frühling, Herbst und Winter hoch ist, fällt der Wert über die Sommermonate stark ab.  Genau in dieser Phase aber hat die Photovoltaik ihre Produktionsmaxima. Wenn die erneuerbare Energieerzeugungen nicht als Gesamtheit, sondern als isolierte Einheiten betrachtet werden, können die oben beschriebenen positiven Effekte nicht greifen und somit wird die Energiewende nicht gelingen.

Es kommt hinzu, dass gerade die wetterabhängigen Energiearten zusehends besser planbar sind und damit die zu erwartenden Strommengen. Der Vorwurf an die erneuerbaren Energien, dass ihre Wetterabhängigkeit dazu beiträgt, dass dem System immer wieder zu wenig oder zu viel Strom zugeführt wird, greift nicht. Es fehlt vielmehr die Flexibilität bei der konventionellen Erzeugungstechnik. Würde diese erhöht, wäre das Problem der temporären Über-/Unterversorgung deutlich begrenzter. So aber wird erwartet, dass die Erneuerbaren das Problem lösen, obwohl diese im Rahmen der Merit-Order (Einspeisereihenfolge von Stromerzeugungen in das bundesdeutsche Stromnetz) zu Recht den Vorrang erhalten haben: Volkswirtschaftlich günstiger, da weitestgehend umweltschonend und ohne Kosten für die Einsatzenergie. Ebenfalls interessant sind die Szenarien, die mit Stromausfällen und Schäden für die deutsche Wirtschaft einhergehen. Die aktuelle Volatilität der erneuerbaren Erzeuger und die fehlende Flexibilität der konventionellen Erzeuger bedingen das Risiko von Versorgungsengpässen. Am Ende der Wende aber verfügt Deutschland über eine Form der Energieversorgung, die weitestgehend autark von globalen Einflüssen ist.

Die Auswirkungen des neuen EEG

Viel wurde über die Veränderungen im neuen EEG diskutiert. Zwei Punkte standen dabei im Vordergrund: Der Vermarktungszwang von Anlagen größer 500 kW und die Beteiligung des Eigenverbrauch von Anlagen größer 10 kW an der EEG-Umlage. Es stand hier die Frage im Raum, ob die Punkte angemessen sind. Das EEG dient der Anschubfinanzierung und ist nicht die ewige Energierente. Der Umbau der deutschen Energielandschaft muss zum Ziel haben, dass wirtschaftlich Strom aus den erneuerbaren Energien erzeugt wird. Die jetzt beschlossenen Veränderungen beginnen mit der schrittweisen Umsetzung dieser Punkte und sind für die Akzeptanz der Energiewende unerlässlich. Je eher und schneller sich die erneuerbaren Energien im Marktprozess behaupten können, umso eher verstummt die Kritik. Die jetzigen Fördersätze sind ein erster Ansatz und Großanlagen können in offene Konkurrenz zu konventionellen Kraftwerken treten. Laut einer Untersuchung des FÖS liegen die Vollkosten fossil-nuklearer Energiegewinnung bei gut 10,2 Ct/kWh und damit in der Bandbreite der neuen Fördersätze für Groß-PV-Anlagen. Allein hieran zeigt sich, dass die PV-Industrie dabei ist, wettbewerbsfähig die Energiewende mit zu gestalten.

Kann PV-Strom wirtschaftlich vermarktet werden?

Da das Prämienmodell des neuen EEG auch für die Großverbraucher gilt und der Referenzmarktwert als durchschnittlicher Monatswert unter den Börsenwerten in der Produktionshochzeit der Photovoltaik, den Peak-Stunden, liegt, kann sogar ein besseres Ergebnis in der Direktvermarktung entstehen, als bei einem Bezug der EEG-Zahlungen. Gibt es für diese Mengen, die auch noch über den Zeitablauf stark volatil sind, einen Markt? Ja, sowohl der Spot-, als auch der Ausgleichsenergiemarkt ist für solche Mengen durchaus interessant. Aufgrund der aus den Bilanzkreisverträgen resultierenden Pflicht des Bilanzkreisverantwortlichen, größtmögliche Sorgfalt bei der Erstellung der Energiemengenprognose walten zu lassen, sind Händler angewiesen, noch genauere Energiemengen auf Viertelstundenbasis zu planen und über den Einkauf zur Verfügung zu stellen. Gerade Verbrauchsschwankungen innerhalb eines Monats können dabei nur über Spotmengen ausgeglichen werden. Vor allem Händler mit einem wesentlichen Anteil an leistungsgemessenen Kunden kennen die Thematik. Vergrößert sich dieses Thema durch den Fall der Standardlastprofile, wodurch auch die kleinen Kunden zu gemessenen Kunden werden, wird der Bedarf an Kurzfristenergie deutlich ansteigen. Da die Energiewende ohne den Fall der Standardlastprofile nicht funktionieren wird, beschäftigen wir uns bereits intensiv mit dem Thema. Wir sind deshalb interessiert, mit Betreibern von Großanlagen ins Gespräch zu kommen.

Resümee

Aus diesem Grund betrachten wir die Solarenergie auch nicht als Dilemma für Deutschland, sondern als eine aktive Säule im Aufbau für die Energiewende in Deutschland, die bereits ihren Beitrag zum Sinken der Großhandelspreise geleistet hat, nun in die Marktreife gelangt und künftig ein tragender Pfeiler der bundesdeutschen Energieversorgung sein wird.  

 

Autor:

Stefan Harder, Geschäftsführer der E.VITA GmbH, Stuttgart;

Kontakt: s.harder@evita-energie.de