Elektromobilität: Deutschland ist nicht vorbereitet

VDE Renewables brachte im Vorfeld der Messe eMove 360˚ in München Experten und Stakeholder aus der Hersteller-, Zuliefer- und Finanzindustrie, der Versicherungswirtschaft sowie von Verbänden zusammen
VDE Renewables brachte im Vorfeld der Messe eMove 360˚ in München Experten und Stakeholder aus der Hersteller-, Zuliefer- und Finanzindustrie, der Versicherungswirtschaft sowie von Verbänden zusammen
02.12.2019

Anlässlich der eMove 360˚ brachte VDE Renewables die Automobilbranche an einen Tisch mit dem Ziel, konkrete Lösungsvorschläge für „Nachhaltige E-Autos made in Germany“ als internationalen Benchmark zu erarbeiten und so Arbeitsplätze zu sichern.

Hierfür fordert die Branche Qualitätssiegel für die gesamte Wertschöpfungskette, angefangen beim Abbau von Rohmaterialien unter Einhaltung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen über die Absicherung nachhaltiger und ökologisch vertretbarer Prozesse bis hin zu Recycling und Wiederverwertung der Batterien.

Weltweit zeigen die Absatzprognosen für Elektroautos nach oben. Die deutschen Autobauer und Zulieferer stellen sich auf gravierende Veränderungen ein, um im Rennen um die Vormachtstellung bei der Elektromobilität weiter vorne mitspielen zu können. „Um die Stärke des Automobil-Standorts zu halten, sind jetzt entscheidende Schritte notwendig: Es hapert an der Implementierung praxisorien­tierter regulatorischer Rahmenbedingungen für die E-Mobilität, damit die angestrebten Wachstumszahlen erreicht werden“, erklärt Ansgar Hinz, CEO des VDE. Um der deutschen Automobilindustrie ihre bisherige Spitzenstellung auch im Zeitalter der Elektromobilität zu sichern, brachte VDE Renewables im Vorfeld der Messe eMove 360˚ in München Experten und Stakeholder aus der Hersteller-, Zuliefer- und Finanzindustrie, der Versicherungswirtschaft sowie von Verbänden zusammen, um Markteintrittsbarrieren, aber auch Lösungen wie Qualitätskriterien für eine nachhaltige Produktion und Nutzung von Elektro-Fahrzeugen und ihrer Batterien zu diskutieren. Schnell wurde klar: Weder Deutschland noch Europa sind ausreichend auf die Elektrozukunft vorbereitet. Große Chancen für einen weltweiten Markterfolg der deutschen Automobilindustrie sehen die Experten jedoch in der Produktion von nachhaltigen Elektroautos. „Mit ‚sustainable e-mobility made in Germany‘ wollen wir Benchmarks setzen. Mögen andere Nationen derzeit beim Verkauf von E-Autos vorne liegen, unser Ziel ist es, die ersten zu sein, die Elektroautos mit einem grünen Footprint auf die Straßen bringen“, spricht Hinz stellvertretend für die Teilnehmer des Round Table.

Qualitätssiegel für nachhaltige und verantwortungsvolle Produktion gefordert

Hierzu fordern die Experten die Etablierung wichtiger Kriterien zur Sicherstellung von Qualität, Sicherheit und Nachhaltigkeit bei Energiespeichersystemen in der gesamten Wertschöpfungskette. Zumindest für die nächsten zwei Jahrzehnte wird die Lithium-Ionen Batterietechnologie die globalen Märkte dominieren. „Wenn wir hier nachweislich ökologisch verantwortungsvoll handeln, können wir die Käufer überzeugen. Das fängt bei der Gewinnung wichtiger Rohmaterialien wie Kobalt und der umweltschonenden Förderung von Lithium an. Der Abbau von Kobalt erfolgt heute in großen Teilen unkontrolliert unter oft nicht akzeptablen Arbeitsbedingungen, teilweise unter Einsatz von Kinderarbeit“, erklärt Hinz.

Wichtig sei, die Balance bei den Kosten zu finden. Ein nachhaltiges und verantwortungsvoll hergestelltes Auto dürfe nicht mehr kosten als ein herkömmliches. Die Branche schlug die die Einführung eines gesetzlich vorgeschriebenen Qualitätssiegels vor, das von einer unabhängigen Seite – in diesem Zuge wurde der VDE als neutrale, wissenschaftliche und non-profit Technologieorganisation genannt – ausgestellt wird und die Einhaltung der festgelegten Kriterien in der gesamten Wertschöpfungskette sicherstellt. Darüber hinaus fordern die Experten vor allem die deutsche Forschung auf, weiter mit Priorität daran zu arbeiten, den Einsatz von Kobalt zu ergänzen bzw. zu ersetzen.

Repowering und ökologisch vertretbare ­Recycling-Verfahren

Ein weiteres Kernthema war die Weiterverwendung von Batterien in einem zweiten Anwendungsbereich (Second Life) und die Entwicklung von ökologisch und wirtschaftlich wegweisenden Recycling-Verfahren. Denn auch am Ende der Wertschöpfungskette von Batterien und der E-Mobilität gibt es noch erheblichen Nachholbedarf. „In Deutschland gibt es hervorragende Ideen und erste Pilotprojekte für eine aussagekräftige Batteriediagnostik. Damit können sehr schnell und qualifiziert Entscheidungen gefällt werden, ob und für welchen Anwendungsfall – z. B. am Ende des Betriebs im Elektroauto – die Batterien weiterverwendet werden können bzw. wann sie sanft entsorgt werden müssen. Erste Ansätze für ein sanftes Recycling von Batterien unter Einsatz von erneuerbaren Energien sind da. Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zum nachhaltigen E-Auto made in Germany“, zeigt sich Burkhard Holder, Geschäftsführer von VDE Renewables, überzeugt.

Die Experten des Round Table monieren, dass es nicht sein könne, dass in Ländern, wo Elektroautos bereits seit Jahren auf den Straßen rollen, die ausgedienten Batterien mit hohem Energieeinsatz entsorgt und recycelt werden. Abgesehen von hohen Kosten des Entsorgungsprozesses für Hersteller und Verbraucher passe dies nicht zu den Zielen des Umwelt- und Klimaschutzes und der damit verbundenen Energiewende. Sie fordern daher alle Marktteilnehmer und die Politik auf, die Nachhaltigkeit von Batterien konsequent weiter zu entwickeln und umzusetzen. Durch die verstärkte Nutzung von Batterien im Second Life als auch mit einer entsprechenden Recyclingstrategie können Ressourcen in erheblichem Umfang geschont werden. Allerdings bedarf es hierfür der Entwicklung von Standards.

Leidensthema und Markthemmnis: Ladeinfrastruktur

Die aktuellen Zahlen von Elektroautos auf Deutschlands Straßen sind enttäuschend. Die Experten räumen ein, dass dies sicherlich auch den noch nicht ausgereiften Fahrzeugmodellen mit begrenzten Reichweiten zuzuschreiben ist. Entscheidendes Hemmnis ist aber nach Meinung aller Beteiligten die noch viel zu geringe Anzahl der Ladesäulen und die Komplexität bei Lademanagement und Abrechnung. „Auf der eMove360˚ stellen zahlreiche mittelständische Unternehmen und Start-ups erfolgsversprechende Lösungen und Geschäftsmodelle vor, die deutliche Verbesserungen in diesem Bereich versprechen. Entscheidend für eine schnelle gemeinsame Umsetzung, bei der Hersteller und Zulieferer wirtschaftlich profitieren können, ist eine enge Abstimmung und Standardisierung von wichtigen Komponenten, wie zum Beispiel bei Ladekabeln, Stecker- und Abrechnungssystemen“, erklärt Holder abschließend.

vde.com