Geld verbrennen mit Kohle & Co.

Dr. Volker Buddensiek, Chefredakteur
Dr. Volker Buddensiek, Chefredakteur
09.02.2015

Unser Chefredakteur geht einmal davon aus, dass es die Regierungen mit dem 2-°C-Ziel ernst meinen und erklärt, wie viele der fossilen Energieträger wir für dieses Ziel noch verbrauchen dürfen und was 670 Milliarden $ damit zu tun haben.

Seien wir optimistisch. Nehmen wir für einen Moment an, die Regierungen ­weltweit würden es mit dem Ziel, den Anstieg der globalen Temperatur auf maximal 2 °C zu begrenzen, ernst meinen. Was würde das für die Nutzung fossiler Energieträger, also Kohle, Erdgas und Erdöl, bedeuten? Christophe McGlade und Paul Ekins, zwei Wissenschaftler am University College London, haben darauf im renommierten Wissenschaftsmagazin Nature (Ausgabe 14016) eine überraschende Antwort gegeben.

Was dürfen wir noch verbrennen?

Während allgemein die Menge an CO2 berechnet wird, die noch emittiert werden darf, bis die 2-°C-Grenze erreicht wird, richteten sie den Fokus auf die Ressourcen an fossilen Energieträgern. Sie fragten sich, wie viel Kohle & Co. noch in klimaschädliches CO2 umgewandelt werden darf, ohne dass der globale Temperaturanstieg die 2-°C-Marke überschreitet. Wenn man nur eine 50-%ige Chance haben möchte, diese Marke nicht zu überschreiten, dann ­dürften zwischen 2010 und 2050 insgesamt ca. 1.100 Gigatonnen CO2 in die Luft geblasen werden.

Das ist eine unvorstellbar große Menge. Aber andererseits nur ein Drittel von dem, was an Kohlendioxid freigesetzt würde, wenn alle heute bekannten und wirtschaftlich nutzbaren Reserven tatsächlich einbezogen würden. Oder, wie die Autoren es auch ausdrücken: Unter der Annahme, dass eine wirtschaftlich optimierte Aufteilung der Anteile dieser Energieträger stattfindet, dürften ca. ein Drittel der Ölreserven, die Hälfte der Gasreserven und ca. 80 % der heute bekannten Kohlereserven zwischen 2010 und 2050 nicht angerührt werden, um das 2-°C-­Limit nicht zu gefährden.

CCS zu teuer

Ernüchternd ist da die Einschätzung der ­Autoren zum Potenzial der Carbon-Capture-&-Storage-Technologie (CCS): Aufgrund der ­hohen Kosten dieser Technologie, einer ­Serienreife nicht vor dem Jahr 2025 und der ­relativ geringen Rate, mit der bestehende Kraftwerke durch CCS-Kraftwerke ersetzt werden dürften, könne sich die Nutzung von Öl- und Gasreserven um ca. 2 % erhöhen, ohne das ­Klimaziel zu gefährden. Bei Kohle läge der Wert bei ca. 6 %. Ob diese Zahlen dann überhaupt zu einer höheren Bereitstellung von Energie aus konventionellen Kraftwerken beitragen (die ­Abscheidung und Speicherung von CO2 sind schließlich selbst energieintensive Prozesse), lassen die Autoren allerdings außen vor.

Die Erschließung arktischer Energier­essourcen oder eine Steigerung der Förderung von Öl und Gas aus unkonventionellen Quellen sind daher im Hinblick auf das 2-°C-Ziel kritisch zu beurteilen. Zusätzliche Brisanz erhält die Studie allerdings in dem Augenblick, wo ihr die Zahl von 670 Mrd. $ gegenübergestellt wird. Dieser Betrag wurde nach Erhebungen von ­Carbon Tracker im vergangenen Jahr für die Suche nach und ­Erschließung von neuen Lagerstätten fossiler Energieträger weltweit ausgegeben. Geld, das für Lagerstättensuche ausgegeben wird, obwohl bereits die vollständige Nutzung heute ­bekannter Reserven bis 2050 vor dem 2-°C-Ziel nicht mehr zu vertreten ist.

Die Kohlenstoffblase

Die Autoren sprechen in diesem Zusammenhang bereits von einer Carbon-Bubble – und die Bank von England untersucht vorsorglich das Risiko eines finanzwirtschaftlichen Crashs, falls sich diese Investitionen in neue Lager­stätten als wertlos erweisen sollten. Aber wie gesagt: Dahinter steht die optimistische Annahme, dass es die Regierungen mit dem 2-°C-Ziel ernst meinen.

Volker Buddensiek