Schnapsidee des Jahres: Flüchtlingselend contra Klimaschutz

Sonne Wind & Wärme-Redakteur Jan Gesthuizen: „Eine alte Fehde gegen Klimaschutz jetzt als pragmatische Flüchtlingshilfe zu verkaufen, ist ruchlos.“  (Foto: privat)
Sonne Wind & Wärme-Redakteur Jan Gesthuizen: „Eine alte Fehde gegen Klimaschutz jetzt als pragmatische Flüchtlingshilfe zu verkaufen, ist ruchlos.“ (Foto: privat)
22.09.2015

Teile der deutschen Immobilienwirtschaft zeigen gerade ihr hässliches Gesicht. Sie nutzen das Elend der Flüchtlinge aus, um Klimaschutzmaßnahmen auszuhöhlen. Dass fehlender Klimaschutz zu weiteren Flüchtlingsströmen führen würde, scheint egal.

Wer sich in Deutschland mit der Energiewende beschäftigt, ist es gewohnt, dass mit harten Bandagen gekämpft wird. Da werden angebliche Kosten für Klimaschutz in den Medien platziert, die nicht stimmen. Da wird behauptet, Atomstrom sei günstig oder das die Arbeitsplätze in der Kohleindustrie besser seien als in der Solarbranche. Was sich Teile der deutschen Immobilienwirtschaft aber gerade erlauben, hat schon eine neue Qualität.

Konkret geht es momentan um die Energieeinsparverordnung (EnEV), die ab 1. Januar 2016 strengere Anforderungen an den Neubau stellt und einen 25 % geringeren Primärenergiebedarf vorschreibt. Der GdW, der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, möchte dies nun verhindern und energetische Standards der EnEV auf die Werte von 2009 absenken, um Wohnraum für Flüchtlinge bezahlbar zu machen.

Über EnEV reden wäre möglich

Es ist wahrlich nicht so, dass man über die EnEV nicht streiten könnte. Dazu bietet sie mehr als genug Anlass. Man kann zum Beispiel darüber streiten, ob sie zu viel Wert auf die Gebäudehülle legt und so zu wenig Spielraum bei der Anlagentechnik lässt. Man kann auch gut darüber diskutieren, ob es sinnvoll ist, EnEV und EEWärmeG nicht zusammenzuführen. Man kann über viele weitere Dinge hervorragend Streiten und Diskutieren. 

Allerdings hat der GdW schon lange vor der Flüchtlingskrise gegen die EnEV geschossen und im Grunde immer dieselben Forderungen gestellt. Alles, was Baukosten erhöhen könnte, ist schlecht. Dabei ging es allerdings nur um eins: Profit! Ob niedrigere Baukosten auch zu niedrigeren Kaufpreisen führen würden, kann man beim aktuellen Immobilienboom in den Ballungszentren mindestens als fragwürdig bezeichnen.

Ruchlos und einseitig

Der Verband argumentierte gegen die EnEV vor Monaten wie heute ausschließlich auf der Ebene der Baukosten. Niedrige Betriebskosten durch höhere Energiestandards ließ er bewusst außer Acht. Kosten, die in Zukunft die Allgemeinheit zu tragen hätte. Wenn der Verband jetzt eine seine alte Forderungen, die Baukosten auf Teufel komm raus niedrig zu halten, als pragmatische Flüchtlingshilfe verkaufen will, dann kann man das nur ruchlos nennen.

Das Thema Klimaschutz ignoriert der Verband dabei komplett. Dass der Klimawandel allerdings zu noch mehr und noch heftigeren Fluchtbewegungen führen kann, sollte inzwischen eigentlich jeder begriffen haben. Der Vorschlag der Immobilienwirtschaft ignoriert dieses Problem aber komplett.

Wenn die Klimaflüchtlinge dann kommen, kann man ja einfach die Baustandards noch weiter senken.

Jan Gesthuizen

Zu diesem Kommentar erreichte uns folgende E-Mail vom Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft Rheinland Westfalen e. V. die wir nach Rücksprache mit dem Verband hier veröffentlichen:

Sehr geehrter Herr Gesthuizen,

ich setze mich als Pressesprecher eines wohnungswirtschaftlichen Regionalverbandes sicherlich dem Vorwurf aus, voreingenommen zu sein. Bezüglich Ihres oben genannten Artikels muss ich aber doch sagen, dass meiner Ansicht nach Ihr Hintergrundwissen über den GdW nicht lückenlos war.

Ich würde Sie gern darauf hinweisen: Der GdW ist der Verband der ehemals gemeinnützigen Wohnungswirtschaft, wir als VdW Rheinland Westfalen sind ein entsprechender Regionalverband. Die Mitgliedsunternehmen sind zum Großteil Wohnungsgenossenschaften und kommunale Wohnungsunternehmen, und die betreiben üblicherweise keine Gewinnmaximierung. Sie kommen vielmehr aus einer sozialen Historie hinaus, die für das Selbstverständnis dieser Unternehmen auch heute noch eine wichtige Rolle spielt. In ihren jeweiligen Städten werden sie von den Bürgermeistern (die häufig Vorsitzende der Aufsichtsräte sind) dazu angehalten, gutes günstiges Wohnen für breite Schichten der Bevölkerung zu bieten und eine soziale Durchmischung in den Stadtquartieren zu fördern.

Es wird vor allem an die Wohnungsunternehmen in städtischem Besitz gerade jetzt von ihren Bürgermeistern der dringende Auftrag heran gebracht, sie mögen doch bitte viel Wohnraum für Flüchtlinge schaffen. Auch unsere kapitalmarktorientierten Mitgliedsunternehmen, wie etwa Vonovia oder LEG werden entsprechend von der Politik um Unterstützung gebeten. Wohnraum soll nun schnell entstehen und natürlich auch kostengünstig, und insbesondere der hohe EnEV 2014/16-Standard erschwert dies erheblich. Wenn Sie schreiben Dabei ging es allerdings nur um eins: Profit! Ob niedrigere Baukosten auch zu niedrigeren Kaufpreisen führen würden, kann man beim aktuellen Immobilienboom in den Ballungszentren mindestens als fragwürdig bezeichnen“, dann ist das eine Meinung, die ich Ihnen nicht absprechen kann.

Ich möchte Sie aber darauf hinweisen:

  • dass die meisten unserer Mitgliedsunternehmen Wohnungen nicht oder nur als Nebengeschäft verkaufen – unsere Mitglieder sind so gut wie ausschließlich auf die Vermietung spezialisiert
  • dass eine Minderzahl unserer Mitgliedsunternehmen ihre Bestände in boomenden Metropolen mit steigenden Immobilienpreisen und großer Kaufkraft hat
  • dass die Verschärfungen der neuen EnEV bei Weitem nicht mehr die Investitionskosten durch verringerte Nebenkosten hereinholen. Wäre es so, wären Mieter ja auch nicht von den durch die EnEVs steigenden Mieten schockiert, weil sie jeden Cent beim Heizen wieder hereinholen würden. Dies ist nicht der Fall.
  • dass wir ausdrücklich nicht einen Stopp der Energiewende oder eine Abschaffung der EnEV vorschlagen, sondern dass wir den guten und anspruchsvollen Standard der EnEV 2009 befristet für einen guten Kompromiss halten würden

Wir sind uns alle der Gefahr des Klimawandels bewusst und halten es ebenfalls für sehr wichtig, ihm entgegen zu wirken. Wir sehen aber bei der EnEV eine nicht mehr angemessene Relation von Kosten und Nutzen und müssen zudem darauf achten, dass Gering- und Normalverdiener sich die modernisierten oder neu gebauten Wohnungen noch leisten können.

Hier finden Sie eine aktuelle Studie der ARGE Kiel zur Entwicklung der Baukosten in den vergangenen Jahren.

Hier finden Sie eine Umfrage des GdW zum Engagement der Wohnungswirtschaft für die Unterbringung von Flüchtlingen.

Ich würde mich freuen, wenn Sie meine Argumente abwägen und schauen, ob Sie daraus etwas ziehen können.

i.A.

Andreas Winkler

Pressesprecher

Anm. des Autors: Auf die sozialen Aspekte der Wohnungsbaugesellschaften bin ich in der Tat nicht eingegangen, was man hätte tun können. Die Meinung, dass die EnEV 2009 einen guten Kompromiss darstellt teile ich allerdings weiterhin nicht.

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