Der ungeliebte EisMan

Fast 1.500 GWh Strom wurden allein im ersten Halbjahr 2015 abgeregelt und der Ausfall entsprechend entschädigt. (Quelle BNetzA)
Fast 1.500 GWh Strom wurden allein im ersten Halbjahr 2015 abgeregelt und der Ausfall entsprechend entschädigt. (Quelle BNetzA)
08.01.2016

2015 hat die Produktion von Windstrom neue Bestmarken gesetzt – auch in Sachen Abregelung von Anlagen. Für diese sogenannten EisMan-Einsätze wird der Anlagenbetreiber zwar entschädigt, doch die ausstehenden Zahlungen kratzen inzwischen an der Liquidität des ein oder anderen Betreibers.

Auf satte 100 Mio. € schätzen die Experten die offenen Entschädigungen für sogenannte EisMan-Einsätze alleine in Schleswig-Holstein. Das Einspeisemanagement (EisMan) fahren die Verteilnetzbetreiber immer dann, wenn es in ihren Leitungen oder in den vorgelagerten Netzen eng wird. Entweder nehmen sie Windparks dann komplett vom Netz oder sie fahren die Anlagen mit reduzierter Leistung. Besserung ist nicht in Sicht, weil der Netzausbau hinkt.

Für das erste Halbjahr 2015 hat die Bundesnetzagentur eine abgeregelte Energie von 1.464 GWh ermittelt - zum überwiegenden Teil Windenergie. Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet rechnet für seine Regelzone für den gleichen Zeitraum mit 1.400 Schalthandlungen.

Die EWE Netz GmbH, die 2014 noch insgesamt 666 Eingriffe hatte, hat für 2015 den Rekord von 1.624 Schaltungen gemeldet. Während nur 90 davon aus eigenen Engpässen resultierte, wurde der stattliche Rest auf Anordnung der vorgelagerten Netzbetreiber Avacon und Tennet abgeregelt. Die Entschädigungen summierten sich bei EWE im ersten Halbjahr 2015 auf 21 Mio. €.

Besonders intensiv werden die EisMan-Schaltungen in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und in Teilen Niedersachsen gefahren. „Es gibt Regionen, in denen 50 % der Vergütungen nicht aus dem Betrieb der Windparks, sondern aus Entschädigungen stammt“, moniert auch Lars Schiller, Leiter der Betriebsführung  der Energiequelle GmbH.

Die entgangene Vergütung für den nicht produzierten Strom erhalten die Betreiber nämlich in Form einer Gutschrift vom Netzbetreiber. Die Grundlage der Zahlung ist ein pauschales Verfahren oder, um kein Geld zu verschenken, die sogenannte Spitzabrechnung. Beim pauschalen Verfahren ist die Gleichung simpel: Hier wird 15-minütlich ermittelt, wie der Ertrag und die Windgeschwindigkeiten vor der Schaltmaßnahme waren und dieser Wert für die Dauer der Abregelung angenommen. Unterm Strich geht dem Betreiber dabei Geld flöten, weil die Eisman-Einsätze in vielen Regionen gerade bei ansteigenden Windgeschwindigkeiten greifen.

Dich Spitzabrechnung aber ist kompliziert und bindet enorme personelle Ressourcen, sowohl auf Seiten der Netzbetreiber als auch auf der der Betriebsführer. Alleine der Leitfaden der Bundesnetzagentur zur Ermittlung der tatsächlichen Ertragsausfälle hat stattliche 21 Seiten. Hier spielen dann Kennlinien, Referenzerträge, reale Windgeschwindigkeiten und Korrekturfaktoren eine Rolle, die sich zu einer langen Formel für die Berechnung aneinanderreihen und vom Netzbetreiber anerkannt sein müssen.

Das Problem ist der Aufwand, weil jeder Eingriff einzeln dokumentiert werden muss und ein PDF am Ende locker 50 Seiten hat. Das führt dazu, dass betroffene Betreiber bisher mehrere Monate auf zum Teil sechsstellige Beträge warten müssen und einige davon bereits vor Gericht gezogen sind.

Ziemlich gruselig ist die Lage vor allem in Schleswig-Holstein. Dort reicht den Windmüllern der Wetterbericht in der Tagesschau, um zu wissen, ob ihr Windpark am nächsten Tag einspeist oder eher nicht. Den Grund sieht die SH Netz AG zu 90 % in den fehlenden Höchstspannungsnetzen und die Ursache für die langwierigen Abrechnungen in einer Änderung im EEG 2014. Seit Anfang März 2015 sind nicht mehr die Übertragungsnetzbetreiber, sondern die Verteilnetzbetreiber für die Abwicklung der Entschädigung verantwortlich.

„Bis zum Februar 2015 lag das Aufkommen bei rund 140 Rechnungen die Woche. Momentan sind es bis zu 2.000 Anträge, die wöchentlich eingehen“, macht Ove Struck, Pressesprecher der SH Netz AG, den Aufwand deutlich. Das Unternehmen hat daher in Maschinen für die automatisierte Rechnungsprüfung und Erstellung von Gutschriften sowie in mehr Personal investiert. Konkret wurde die Abteilung von sieben auf 50 Mitarbeiter aufgestockt. Zudem will SH Netz die Prozesse mit den Abrechnungsgesellschaften weiter verbessern.

Offensichtlich haben die Akteure in Schleswig-Holstein aber keine Lust mehr auf den EisMan. Anfang 2016 will der Landesverband des BWE eine eigene Studie dazu präsentierten, wie sich der verschenkte Strom aus heimischen Windpropellern anderweitig nutzen lässt. „3 % des Windstroms werden in Schleswig-Holstein nicht mehr abgenommen“, sagt Nicole Knudsen vom Landesverband. Das schreit nach Alternativen.

Mehr zu diesem Thema lesen Sie in der SONNE WIND & WÄRME 1+2/2016, die am 5. Februar erscheint.

Torsten Thomas

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