„Wir brauchen einen modernen Artenschutz“

Joachim Wierlemann ist seit 2003 Vorsitzender des BWE-Landesverbands Hessen. Das Bild zeigt ihn links neben Tarek Al-Wazir, dem stellv. hessischen Ministerpräsidenten. (Foto: BWE)
Joachim Wierlemann ist seit 2003 Vorsitzender des BWE-Landesverbands Hessen. Das Bild zeigt ihn links neben Tarek Al-Wazir, dem stellv. hessischen Ministerpräsidenten. (Foto: BWE)
15.06.2018

Naturschutz und Windenergie sollten eigentlich keine Gegensätze sein, denn schließlich haben beide das gleiche Ziel. In der Praxis aber gibt es kaum ein Projekt, das sich nicht mit Protesten von Naturschützern konfrontiert sieht. Gerade in Hessen, wo viele Vorranggebiete im Wald liegen, sind Planungen blockiert – ein wichtiges Thema auf dem Branchentag Hessen/Rheinland-Pfalz am 29. August in Wiesbaden. Joachim Wierlemann, Landesvorsitzender des BWE, erklärt die Hintergründe.

SW&W: Die hessische Landesregierung will im Zeitraum 2014 bis 2019 die in Hessen installierte Windkraftleistung verdreifachen. Ist das Ziel noch erreichbar?
Joachim Wierlemann: Nein, dazu ist in den letzten Jahren zu wenig zugebaut worden. Wir hätten pro Jahr 400 MW errichten müssen, das ist aber nicht passiert. Bislang gab es in den Ausschreibungen nur wenige Zuschläge in Hessen. Wir werden in diesem und im nächsten Jahr einen richtigen Einbruch erleben.

SW&W: Warum kommt der Zubau in Hessen nicht voran?
Wierlemann: Nach Fukushima hatte der hessische Energiegipfel aus Parteien, Gewerkschaften und Verbänden beschlossen, zwei Prozent der Landesfläche für die Windkraftnutzung auszuweisen – mit Unterstützung von BUND und NABU. Das ist in Nord- und Mittelhessen auch geschehen, in Südhessen leider noch nicht. Aber: Viele dieser Vorranggebiete liegen im Wald und dort spielt der Naturschutz bei der Genehmigung eine große Rolle. Die Landesarbeitsgemeinschaft Staatlicher Vogelschutzwarten hat ja das restriktive Helgoländer Papier mit Empfehlungen für den Umgang mit Vögeln bei der Windkraftplanung herausgegeben. Und obwohl das hessische Umweltministerium betont, dass es nicht pauschal angewendet werden muss und keine rechtlich bindende Wirkung hat, ziehen es die Genehmigungsbehörden immer aus der Schublade, um auf der sicheren Seite zu sein, falls später geklagt wird. Und das wird ja immer.
Der Einfluss der Naturschutzverbände auf die Politik ist sehr groß. Letztlich ist die FDP nur wegen der Windkraftgegner, die sie gewählt haben, wieder knapp im Landtag und ist aus dem parteiübergreifenden Konsens des Hessischen Energiegipfels auch wieder ausgestiegen. Auch viele Grüne schwanken zwischen Energiewende und Naturschutz, vor allem in Südhessen.

SW&W: Die Debatte zwischen Windparkbefürwortern und Naturschützern wird oft sehr emotional geführt. Können sachliche Argumente in der Diskussion überhaupt noch etwas bewegen?
Wierlemann: Eigentlich schon. Mit den Landesverbänden von BUND und NABU, die übrigens mit jeweils über 50.000 Mitgliedern stärker sind als jede Partei, kommen wir gut klar. Das Problem sind die lokalen Windgegner, die oft Naturschutzinteressen instrumentalisieren, Mitglied in Naturschutzverbänden werden und oft sehr emotional agieren. Mit denen kommt man nicht zurecht, sie hören nicht mal auf ihren eigenen Verband. Mitarbeiter des NABU haben sogar schon Morddrohungen erhalten!

SW&W: Welche Auflagen machen den Planern in Hessen zurzeit besonders zu schaffen?
Wierlemann: Die Orientierung am Helgoländer Papier. Viele Vögel wie der Rotmilan oder der Wespenbussard sind in Hessen flächendeckend vorhanden – so große Abstände, wie dort gefordert werden, sind bei der Häufigkeit dieser Vögel nicht mehr nachzuvollziehen. In Hessen wurde erst ein toter Schwarzstorch – 1998 – erfasst. Zudem ist gar nicht erwiesen, dass die Störche durch Windturbinen gefährdet sind. In Bayern hat sogar mal einer direkt neben einer Baustelle sein Nest gebaut. Zum Problem wurden dann die Schwarzstorch-Touristen. Letztlich wurde dann der Bauzaun um das Nest erweitert und der Wachschutz der Baustelle hat auch die Störche bewacht. Der Rotmilan hingegen wird von den ausgesetzten Uhus stärker bejagt als von Windenergieanlagen bedroht.
Auch die Haselmaus gibt es, so haben es die Untersuchungen für die Windparks ermittelt, viel häufiger als gedacht. Trotzdem dürfen Sie während ihres Winterschlafs die Baustelle nicht roden, während die Holzwirtschaft keine Beschränkungen hat. Und im Sommer dürfen Sie wegen der Brutvögel nicht roden. Das kann Ihr Projekt schon mal um ein Jahr verzögern.

SW&W: Was müsste passieren, um den Ausbau der hessischen Windenergie wieder in Schwung zu bringen?
Wierlemann: Wir brauchen einen modernen Artenschutz, der sich nicht am Individuum, sondern an der Arterhaltung orientiert. Außerdem sind die Ausschreibungen ein Problem. Nach den ersten Runden haben viele Projektentwickler ihre Planungen erstmal zurückgezogen und wollen jetzt auf größere Anlagen setzen. Das bedeutet aber, dass sie erneut durchs Genehmigungsverfahren müssen, im schlimmsten Fall mit allen naturschutzrechtlichen Untersuchungen. Das kann dauern. Und dann müssen sie natürlich noch einen Zuschlag bekommen.
Die Politik müsste sich vom Einfluss des Naturschutzes freimachen. Selbst NABU und BUND sagen, dass Windkraftnutzung auch in Schutzgebieten wie im Vogelsberg denkbar ist. Dort gibt es auch schon etliche Windparks. Aber trotzdem werden die Vorranggebiete gestrichen, so dass ein Repowering nicht mehr erlaubt ist. Nicht zuletzt müsste auch der Streit mit den Luftsicherheitsbehörden um die Störung von Drehfunkfeuern durch Windenergieanlagen gelöst werden. Das ist ein großes Problem in Südhessen rund um den Frankfurter Flughafen und blockiert da auch die Ausweisung der Eignungsflächen.

SW&W: Wo kann sich die Windbranche auf die Naturschützer zubewegen?
Wierlemann: Es gibt viele Möglichkeiten, eine Art zu schützen, wenn man sich nicht so auf das Individuum konzentriert. Schwarzstörche zum Beispiel reagieren sehr gut auf Nistalternativen, die weiter vom Windpark entfernt liegen. Für Rotmilane können Nahrungshabitate angelegt werden. Auch die Haselmaus nimmt gerne Nisthilfen an. Das wäre eine kostengünstige und effektive Art, die Arten zu schützen. Stattdessen wird unfassbar viel Geld für einzelne Individuen ausgegeben: Auf einer Baustelle in Hessen wurden für 300.000 Euro 45 Haselmäuse umgesiedelt. Das ist doch niemandem vermittelbar.

Das Interview führte Katharina Wolf.

 

Der Windbranchentag Hessen / Rheinland-Pfalz findet am 29. August im Dorint Hotel Wiesbaden statt. Diese und weitere Veranstaltungen unter: www.bwe-seminare.de