Stadtwerke Radolfzell: Kundenbindung mit regenerativer Wärme

Spatenstich für das regenerative Nahwärmenetz in Liggeringen: v.l.n.r. Johann Stoiber (Prokurist Senn-Bau), Hermann Leiz (Ortsvorsteher Liggeringen), Andreas Reinhardt (Geschäftsführer Stadtwerke Radolfzell), Alexander Senn (Geschäftsführer Senn-Bau), Stefanie Hambalek (Projektleiterin Stadtwerke Radolfzell), Martin Staab (Oberbürgermeister Stadt Radolfzell) und Michael Schöberl (Technischer Leiter Stadtwerke Radolfzell). (Foto: Stadtwerke Radolfzell)
Spatenstich für das regenerative Nahwärmenetz in Liggeringen: v.l.n.r. Johann Stoiber (Prokurist Senn-Bau), Hermann Leiz (Ortsvorsteher Liggeringen), Andreas Reinhardt (Geschäftsführer Stadtwerke Radolfzell), Alexander Senn (Geschäftsführer Senn-Bau), Stefanie Hambalek (Projektleiterin Stadtwerke Radolfzell), Martin Staab (Oberbürgermeister Stadt Radolfzell) und Michael Schöberl (Technischer Leiter Stadtwerke Radolfzell). (Foto: Stadtwerke Radolfzell)
13.10.2017

Mit viel Öffentlichkeitsarbeit und Vor-Ort-Beratung konnten die Stadtwerke Radolfzell die ersten 80 Kunden für ein regeneratives Wärmenetz gewinnen. Von dem solaren Leuchtturmprojekt versprechen sie sich langfristige Kundenbeziehungen und einen deutlichen Beitrag zum Klimaschutz in der Region.

In Liggeringen im Landkreis Konstanz hat der Bau eines solarthermisch unterstützten Nahwärmenetzes begonnen. Im ersten Bauabschnitt wollen die Stadtwerke Radolfzell 80 Anschlüsse fertigstellen, das Potenzial liegt bei 260 Haushalten. „Die größte Herausforderung war es, die Fläche für 1.200 m2 Solarkollektoren und die Heizzentrale zu bekommen“, sagte Andreas Reinhardt, Geschäftsführer der Stadtwerke Radolfzell (SWR), im August. Um die Bewohner der Gemeinde für das Vorhaben zu gewinnen, haben die Stadtwerke seit November 2014 zu acht Informationsveranstaltungen und drei Exkursionen zu dem vergleichbaren Projekt für solare Nahwärme in Büsingen eingeladen.

Als Reinhardt das Projekt Ende Mai 2017 auf dem 2. Forum Solare Wärmenetze in Stuttgart vorstellte, hatten die SWR gerade die Freigabe der Gesellschafter und der Kommune erhalten und damit die Erlaubnis zu bauen. Drei Monate später begannen die Baumaßnahmen für das Versorgungsnetz, dessen Leitungslänge insgesamt 6 km betragen wird. Die Solarthermieanlage wird eine Leistung von 600 kW haben. Der jährliche Ertrag soll etwa 750 MWh erreichen. Der Gesamtwärmebedarf wird auf rund 3.800 MWh prognostiziert. Für die Zuheizung wird ein Hackschnitzelkessel mit 1,4 MW Leistung installiert. Die Netzverluste werden mit 19 % angegeben. Rund 3 Mio. € investieren die Stadtwerke Radolfzell in Liggeringen. Die Rendite auf das Gesamtkapital soll bei ca. 6 % liegen.

Für Andreas Reinhardt ist das Solarenergiedorf in Liggeringen eines der ersten Großprojekte in seiner Funktion als Stadtwerke-Chef in Radolfzell. Im Juli 2014 hat er die Geschäftsführung des Unternehmens übernommen, davor war er Geschäftsführer im Konzern der Stadtwerke Erfurt Gruppe. Eines seiner Ziele lautet, den „rasanten Umbau zu den erneuerbaren Energien verträglich zu gestalten“. Dabei hat er beide Seiten im Blick: einerseits die Bürger, die er an den Projekten so weit wie möglich beteiligen möchte, und natürlich die wirtschaftliche Entwicklung seines zu verantwortenden Unternehmens.

Das Netz soll neben dem Klimaschutz der langfristigen Kundenbindung dienen. Denn mit den Wärmeabnehmern werden nicht nur langfristige Lieferverträge abgeschlossen, die Kunden erhalten auch kalkulierbare Preisanpassungen, die auf einer Preisgleitformel basieren werden. Sie können sich nach oben oder unten bewegen und werden von den SWR offen kommuniziert. Zusätzlich erhalten die Kunden einen kostenfreien Glasfaserhausanschluss.

Bürger mitnehmen

Ein erster Schritt war die Bestandsaufnahme in dem Ort Liggeringen. 260 Ein- und Mehrfamilienhäuser gibt es dort. In ihnen stehen 180 Ölheizungen, 55 Flüssiggasheizungen und 25 Heizungen anderen Typs. Im Schnitt sind die Anlagen 15 Jahre alt. „Man muss den Menschen vermitteln, welche Vorteile sie von einer solchen Anlage haben und dass der Anschluss an das Nahwärmenetz günstiger ist“, sagt Reinhardt. Bei Heizungen, die erst wenige Jahre im Betrieb sind, sei es schwierig, die Eigentümer für den Anschluss an ein neues Netz zu gewinnen. Aufgeschlossener seien diejenigen, bei denen die Sanierung der Heizung ansteht.

Die Stadtwerke Radolfzell bieten derzeit einen Wärmepreis von durchschnittlich 11,47 ct/kWh an. Der Erstanschluss kostet 5.000 € brutto. „In der Vollkostenbetrachtung ist das nach dem Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz in Baden-Württemberg günstiger als eine Sanierung der alten Heizung“, so Reinhardt. „Außerdem bedeutet der Anschluss an das Wärmenetz noch eine Wertsteigerung für die Liegenschaft.“ Wo vormals der Heizöltank oder ein Flüssiggastank standen, wird nun neuer Raum geschaffen. Auch die Geruchsbelästigung während der Anlieferung und Lagerung des Heizöls entfallen. Außerdem werden die Kosten für den Schornsteinfeger sowie für die Wartung des Heizkessels und des Heizöllagers eingespart.

Die Bürgerbeteiligung ist für Reinhardt sehr wichtig und so hält das Stadtwerke-Team seit Beginn der Planungen einen engen Kontakt zu den Bürgern und Behörden. Die Zahl der Informationsveranstaltungen bezeichnet Reinhardt als „überdurchschnittlich hoch“. Es gebe ein großes Interesse der Bevölkerung, sich über die Möglichkeiten zu informieren, um ihren Beitrag für eine nachhaltige Wärmeversorgung zu leisten. Im Schnitt kamen 80 bis 90 Personen zu den Infoabenden. Darüber hinaus gab es 20 Bürgersprechstunden und über 150 Kundentermine vor Ort. Dabei galt es auch, Bedenken zu zerstreuen. Nur zwei Beispiele: Einige Bürger befürchteten, dass zu viele LKW mit Hackschnitzeln durch das Dorf fahren, andere, dass Abgase die Lebensqualität in dem Dorf beeinträchtigen würden. Auch die Umweltverbände wollten von dem Projekt überzeugt werden, und so führten Reinhardt und seine Kollegen auch diverse Gespräche mit dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Vor allem aber benötigten die Stadtwerke das Land für das Solarfeld und die Heizzentrale. Dafür führten die Mitarbeiter viele Gespräche mit Grundstückseigentümern. „Für uns war es wichtig, auf unserem eigenen Grundstück zu bauen, eine Pacht war für uns keine Option“, erklärt der Stadtwerke-Chef.

Schritt für Schritt

Seit Anfang August werden die Leitungen verlegt. Gleichzeitig installieren die Techniker die Hausübergabestationen an der vereinbarten Stelle im Gebäude und stellen die Verbindung mit dem Nahwärmenetz her. Nach dem erfolgten Hausanschluss ist die Anbindung des bestehenden Heizungssystems an die Hausübergabestation (HÜS) – der sogenannte Innenumschluss – erforderlich. Diese Arbeiten umfassen die elektrische und hydraulische Anbindung an die HÜS. Danach wird die alte Ölheizung mit Öltank ausgebaut und entfernt. „Wir bieten ein Rundum-Sorglos-Paket mit einem 24-Stunden-Service, der enorm hohe Versorgungssicherheit schafft“, wirbt Reinhardt. Im kommenden Winter werden die Kunden die Wärme aber noch von einem Ölkessel mit 2,5 MW Leistung aus der naheliegenden Sporthalle erhalten. Den nutzen die Stadtwerke übergangsweise und sammeln dafür das noch vorrätige Heizöl aus den Haushalten ein. Im nächsten Jahr soll dann die Wärme aus der Solar-/Hackschnitzelanlage kommen.

Die Zurückhaltung bei den Verträgen erklärt Reinhardt mit dem Sanierungsstau in deutschen Heizungskellern. Die Verpflichtungen im Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz (EEWärmeG) in Baden-Württemberg hält er für „kontraproduktiv“. Denn bei Bestandsgebäuden müssen seit 2015 nur Hauseigentürmer, die umbauen, mindestens 15 % regenerativen Wärmeanteil vorweisen. Das veranlasse die Eigentümer, mit der Heizungssanierung zu warten, bis die Anlagen nach etwa 20 bis 25 Jahren ihre technische Nutzungsdauer erreicht haben, moniert Reinhardt. Bei Neubauten würde der Anschluss an ein regeneratives Nahwärmenetz ausreichen, um die Vorgaben des Gesetzes zu erfüllen.

In Liggeringen sind es aber vor allem bestehende Gebäude, die angeschlossen werden sollen. Zudem hemme der momentan günstige Heizöl- und Gaspreis die Bereitschaft der Interessenten zum Wechsel. Die Historie belege allerdings deutlich die Preissteigerungen gerade für Öl bis auf das Doppelte. „Wir sind optimistisch, dass wir weitere Kunden bekommen“, bekräftigt Reinhardt. Die Erfahrung aus vergangenen Nahwärmeprojekten zeige, dass während der Baufortschritte immer neue Anschlussnehmer gewonnen werden. Bis zum nächsten Frühjahr sollen die ersten zehn bis 20 Haushalte an das regenerative Wärmenetz angeschlossen sein.

Ina Röpcke

Der Beitrag ist in SW&W 9/2017 erschienen.

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