Nahwärmenetze: Langer Atem ist nötig

7.400 Meter Leitungen wurden im Engelsberger Bestandsgebiet verlegt. Im Neubaugebiet kommen noch rund 1.000 Meter dazu. (Foto: Gemeinde Engelsberg)
7.400 Meter Leitungen wurden im Engelsberger Bestandsgebiet verlegt. Im Neubaugebiet kommen noch rund 1.000 Meter dazu. (Foto: Gemeinde Engelsberg)
10.11.2017

Zwei Kommunen zeigen, wie Nahwärmeprojekte umgesetzt werden können. Mit den Betriebserfahrungen sind sie zufrieden, nur die Wirtschaftlichkeit könnte besser sein.

Eine notwendige Dorferneuerung und engagierte Bürgermeister können Treiber für Nahwärmeprojekte sein. Dies zeigen die bayerischen Kommunen Engelsberg und Markt Mühlhausen. Auf der Tagung „Nahwärmenetze für Stadt und Land – Von der Planung bis zur Umsetzung“ des Kompetenzzentrums Wärme & Wohnen der Technischen Hochschule Ingolstadt stellten die Bürgermeister ihre Projekte vor.

In Engelsberg, einer Gemeinde mit 2.300 Einwohnern im Landkreis Traunstein, musste die Dorfmitte neu gestaltet werden. Da das Rathaus und die Mehrzweckhalle mit einer Elektroheizung ausgestattet waren, machte man sich über eine neue Heizung Gedanken. Das Schulgebäude wurde in die Planung mit einbezogen. Durch die Diskussionen über eine Biomasseheizung einschließlich Fernwärmeleitung für die kommunalen Gebäude wurden Bürger auf das Vorhaben aufmerksam und wollten ihr Haus mit anschließen lassen.

Als das Interesse immer größer wurde, beschloss der Gemeinderat, das Projekt auf den Ortskern auszudehnen und für die Bürger zu öffnen. Für das Vorhaben wurde die Fernwärme Engelsberg GmbH gegründet. Sie ist zu 100% Eigentum der Gemeinde Engelsberg. Alle Entscheidungen, die das Fernwärmeprojekt betreffen, werden im Gemeinderat beraten und beschlossen.

In dem Ort wurde ein Hackschnitzelkessel mit 1,7 MW Leistung installiert. Er erzeugt ca. 88 % der Wärme. Eine Biogasanlage mit 300 kWth Leistung steuert bisher nur 3 % zu. Die restlichen 9 % sind Spitzenlast, die ein Ölkessel mit 2 MW Leistung abdeckt. Der Anteil der Biogasanlage soll mittelfristig noch erhöht werden, dafür soll der Ölverbrauch sinken. Die Trasse im Bestandsgebiet ist 7.400 Meter lang. Aktuell werden 188 Kunden mit der Wärme versorgt. Im Jahr 2016 lag der Wärmeabsatz bei 4.850 MWh.

„Für solch ein Projekt ist es enorm wichtig, die Bürger ständig zu informieren und sie bei der Entwicklung des Projektes mitzunehmen, damit die Akzeptanz da ist“, betonte Bürgermeister Martin Lackner auf der Tagung. „Wichtig ist es aber auch, klar zu machen, dass ein solches Projekt nicht vom ersten Tag an wirtschaftlich ist.

Genossenschaft gegründet

Auch im mittelfränkischen Mühlhausen brachte die Dorferneuerung das Nahwärmeprojekt ins Rollen. 2009 erstellte die Energieagentur Oberfranken eine Energiekonzeptstudie und ermittelte 60 interessierte Anschlussnehmer. Daraufhin gründete der Gemeinderat einen Arbeitskreis, 2010 rief er die Genossenschaft Bioenergie Markt Mühlhauen e.G. ins Leben „Eine Genossenschaft ist gut, um die Bürger mitzunehmen“, sagt Bürgermeister Klaus Faatz. Die ehrenamtliche Arbeit erspare zudem Kosten.

Motiviert durch die lukrative Förderung, baute ein Landwirt 2010 eine Biogasanlage mit 380 kWth Leistung. Die Wärme sollte in das Netz fließen. In dem gleichen Jahr wurden die ersten Nahwärmerohre verlegt. 2011 begann der Bau des Hauptleitungsnetzes, und ein erster Abschnitt wurde für die Verteilung der Biogasabwärme in Betrieb genommen. 2012 wurde das Heizwerk gebaut und die gesamte Anlage fertiggestellt.

115 Haushalte beziehen heute Wärme aus dem Netz. Das Netz ist ca. 7.650 Meter lang und hat eine Anschlussleistung von 2,623 MW. Die Jahreswärmemenge beträgt ca. 3.934 MWh. Die Grundlast von 60 % stellt die Biogasanlage bereit. Zusätzlich ist ein Holzhackschnitzelkessel mit 850 kW Leistung installiert. Ein 900-kW-Ölkessel deckt die Spitzenlast.

Laufende Optimierung

„Es wird laufend versucht, das Netz zu optimieren“, berichtete Bürgermeister Faatz auf der Tagung. Für eine bessere Auslastung des Netzes soll auch mehr Wärme aus der Biogasanlage sorgen. Der Landwirt plant aktuell, seine Biogasanlage auf 800 kWth Leistung zu erweitern. Die Wärme soll überwiegend im Winter genutzt werden.

Auch in Engelsberg arbeitet man an der Optimierung der Anlage. Um ein paar Maßnahmen zu nennen: Die Unterrostzirkulation wird nachgerüstet. Dadurch können unter anderem die Schlackebildung reduziert und der Stromverbrauch gesenkt werden. Mängel sollen beseitigt werden, und es soll regelmäßige Wartungen geben. Weiterhin sind Betreiberschulungen geplant.

Darüber hinaus werden die Hackschnitzellieferungen jedes Jahr neu ausgeschrieben, um den aktuellen Preis zu erhalten. Das Brennmaterial soll aus einem Umkreis von 30 km geliefert werden. Der Bezug zur regionalen Landwirtschaft ist dem Bürgermeister wichtig.

Außerdem wird das Neubaugebiet Engelsberg Süd II an das Netz angeschlossen. Hierfür werden nochmals 1.020 km Leitungen verlegt. Dadurch kann die Fernwärme Engelsberg GmbH ihren Wärmeabsatz weiter ausbauen und die Heizhaustechnik besser auslasten. Das wird die Wirtschaftlichkeit verbessern, denn darin zeigten sich die Bürgermeister Lackner und Faatz einig. „Die Wirtschaftlichkeit ist nicht übermäßig groß, aber es geht“, sagt Lackner aus Engelsberg. Sein Kollege Faatz aus Markt Mühlhausen stimmte ein: „Die Wirtschaftlichkeit ist ein bisschen das Problem.“

Als die Fernwärme Engelsberg GmbH im Geschäftsjahr 2015 einen Verlust von 218.179 € machte, habe Bürgermeister Lackner das mit dem vorhergehenden milden Winter begründet, ist in einem Bericht der Oberbayerischen Volkszeitung zu lesen. Außerdem habe der niedrige Ölpreis Bürger davon abgehalten, sich anschließen zu lassen. 2016 kamen 13 Anschlussnehmer dazu, es wurden 300 MWh Wärme mehr geliefert, der Verlust sank auf 184.398 €. Mit kleinen Schritten geht es also in Richtung Wirtschaftlichkeit. Bis dahin wird Bürgermeister Lackner nicht müde, die Vorteile der Nahwärme zu betonen, um neue Anschlussnehmer zu gewinnen, und um Geduld zu bitten. „Es dauert einige Jahre, bis zumindest eine schwarze Null erwirtschaftet wird.“

Ina Röpcke

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