Mieterstrom: Nicht einfach, aber machbar

In der Wohnanlage WagnisART sind auf drei der fünf Gebäude Mieterstromanlagen installiert. (Foto: Panasonic / Spreadfilms)
In der Wohnanlage WagnisART sind auf drei der fünf Gebäude Mieterstromanlagen installiert. (Foto: Panasonic / Spreadfilms)
30.10.2017

Das Mieterstromgesetz wirft noch viele Fragen auf. Bestehende Mieterstromanlagen zeigen aber schon, wie die Technik und Abrechnung umgesetzt werden können – mit Summenzählern und mit Smart Metern.

Das Mieterstromgesetz, das Ende Juli in Kraft getreten ist, wurde mit sehr gemischten Reaktionen begrüßt. Einerseits ist es ein Hoffnungsträger für die PV-Branche, andererseits werden Rechtsunsicherheiten und die Komplexität beklagt. Das war auch auf dem Seminar „Mieterstrom für Wohngebäude“ herauszuhören, das C.A.R.M.E.N und der DGS-Landesverband Franken Mitte September in Nürnberg veranstalteten. „Es hätte alles so einfach sein können“, war der Grundtenor an dem Tag. Praxisbeispiele zeigen aber, dass Mieterstromprojekte mit überschaubarem Aufwand realisiert werden können. Ob der Zuschlag unbedingt in Anspruch genommen werden muss, steht auf einem anderen Blatt.

Zwei Themenkomplexe zeigen beispielhaft, womit Planer sich befassen müssen: Ein erster Knackpunkt ergibt sich durch die Gebäudeart und die Nutzung. Ein frei stehendes Mehrfamilienhaus, in dem nur Mieter wohnen, ist ein einfacher Fall. Am anderen Ende der Skala rangiert ein Wohnkomplex mit mehreren Gebäuden und Mischnutzung. Mieter, Eigentümer, Gewerbe, Flächen für die Allgemeinheit wie Flure und Tiefgaragen – alles in einem Gebäude: Das wird den Planer vor eine Herausforderung stellen. „Gerade in Großstädten überwiegen solche Wohnkomplexe mit schwer differenzierbaren Mischungen aus aneinander gereihten oder durch Tiefgaragen verbundenen Baukörpern“, sagte Andreas Horn, Inhaber des Planungsbüros Energiewendeplaner und Referent auf dem Seminar. Das Mieterstromgesetz definiere nicht, wie der Begriff „Gebäude“ zu interpretieren sei.

Eine weitere Frage ist die des Betreiberkonzepts. Dreht es sich um Stromlieferung an Dritte vor Ort? Werden PV-Anlagen vermietet? Handelt es sich um (teilweise) Eigenversorgung, falls der Gebäudeeigentümer im Haus wohnt? Je nach Gegebenheiten sind unterschiedliche Messkonzepte erforderlich. Andreas Horn kommt zu dem Schluss, dass es nicht möglich ist, generelle Messkonzepte aufzustellen. Ob eine Serienschaltung (Kaskaden) die richtige Wahl ist, eine Parallelschaltung oder die Kombination von beidem, das ist individuell zu klären. Und natürlich: Sollen Summenzähler oder Smart Meter eingebaut werden?

Stadtwerke und Genossenschaften kooperieren

Wie es gehen kann, zeigt die Infra Fürth GmbH. Das Fürther Stadtwerk betreibt unter dem Titel „Partnerstrom“ rund 30 Mieterstromanlagen, die allesamt ohne Zuschlag realisiert wurden. Der Anstoß kam von Solarpark, einem gemeinsamen Unternehmen der Fürther Wohnungsbaugenossenschaften. Nachdem Solarpark schon viele Süddächer mit PV bebaut hatte, wollte man auf Ost-West-Dächern weitere Anlagen bauen. Da dies wirtschaftlich allerdings nicht sehr interessant ist, fragte Solarpark bei der Infra Fürth, ob Interesse an Mieterstrom von diesen Dächern bestehe. Am 1. April 2015 startete das Kooperationsprojekt im Praxisbetrieb mit „echten Abrechnungen“ für die beteiligten Mieter. Solarpark hat in die Anlagen investiert und verkauft Infra Fürth den vor Ort erzeugten Strom. „Wir kümmern uns um die energiewirtschaftlichen Prozesse und den Vertrieb des Mieterstroms in Kombination mit dem noch benötigten Strom aus dem öffentlichen Netz“, beschreibt Klaus Hecker, Abteilungsleiter Energievertrieb bei Infra Fürth, die Rolle seines Unternehmens.

Das Messkonzept erläutert er am Beispiel eines Gebäudes mit 32 Haushalten. 24 Haushalte beziehen Mieterstrom. Vor dem Hausanschluss wurde ein Summenzähler eingesetzt. Der Zweirichtungszähler erfasst, wieviel Netzstrom ins Haus kommt und wieviel Solarstrom in das öffentliche Netz eingespeist wird. Ein separater Zähler misst die PV-Erzeugung. Der im Haus verbliebene Solarstrom wird auf die Teilnehmer aufgeteilt. Der Solarstromanteil in den Gebäuden liegt bei 30 bis 40 %, hat der Energieversorger errechnet. Jedem Mieterstromkunden wird der gleiche prozentuale Anteil des direkt verbrauchten Solarstroms zugeordnet. „Wenn wir den Bezug für jeden einzelnen berechnen wollten, bräuchten wir einen intelligenten Zähler oder zwei Zähler für jeden Teilnehmer“, sagt Hecker. Die konventionellen Zähler seien die preisgünstigere Variante gewesen. Wegen des Digitalisierungsgesetzes werde es aber in Richtung Smart Meter gehen. Für den „Allgemeinstrom“ für die Gemeinschaftsflächen gibt es einen separaten Zähler. Der Allgemeinstrom wird parallel, also gleichberechtigt mit den Mietern geschaltet.

Der Solarstromanteil wird auf der Rechnung ausgewiesen. Hier können die Mieter erkennen, dass der Solarstrom günstiger ist als der übrige Strom, so dass sie einen Anreiz haben, Geräte wie die Waschmaschine dann einzuschalten, wenn die Sonne scheint. Schwierig sei an dem Konzept nichts, meint Hecker. Lediglich die Wandler-Messung, die ab zirka acht Haushalten in einem Gebäude erforderlich ist, verteure das System. Ab einer gewissen Ampere-Stärke sind Energieversorger dazu verpflichtet. Die Wandler-Messung koste einmalig ab etwa 3.000 Euro, ein nicht unerheblicher Kostenfaktor bei kleinen Gebäuden.

Messung mit Smart Metern

Das Unternehmen Buzzn arbeitet bereits mit sogenannten Smart Metern, also digitalen Stromzählern. Zum Beispiel bei der Wohnanlage WagnisART der Münchner Wohnungsbaugenossenschaft Wagnis. Diese hat in dem Neubaugebiet „Domagkpark“ fünf über Brücken und Wege miteinander verbundene Gebäude mit insgesamt 138 Wohnungen gebaut. Auf drei der fünf Gebäude sind PV-Anlagen mit insgesamt 95,55 kW Leistung installiert. Buzzn macht die Abrechnung für Wagnis und liefert den Zusatzstrom, aus anderen kleinteiligen, dezentralen Photovoltaik-, Wind- oder Wasserkraft-Anlagen in der Nähe des zu versorgenden Gebäudes.

Der Dienstleister hat auch Smart Meter für jede Wohnung und die Haustechnik eingebaut, so dass der Stromverbrauch für jede Wohnung, aber auch die gesamten Gebäude sekundengenau ermittelt werden kann. „Summenzähler und digitale Stromzähler sind keine Alternativen“, sagt Schütze. „Vielmehr bietet die Ausstattung eines Mieterstromprojektes mit Smart Metern Zusatznutzen, der bei einer Ausgestaltung nur mit reinen Arbeitsmengenzählern nicht möglich wäre.“ Dies erklärt er am Beispiel von WagnisART. Hier soll nachträglich in dem Gebäude Afrika (die fünf Gebäude wurden nach den Kontinenten benannt) ein Quartiersrestaurant bzw. -kantine eingerichtet werden. Der Netzbetreiber habe aber Bedenken wegen der zusätzlich benötigten elektrischen Anschlussleistung der Küche, erzählt Schütze. „Eine Erhöhung der Anschlussleistung wäre auch problematisch, da die zugehörige Trafostation zu 100 % ausgelastet ist. Auch Kochen mit Gas ist mangels Gasanschluss wegen des Fernwärmeversorgung nicht möglich.“

Es stellt sich somit die Frage, wieviel von der Anschlussleistung denn tatsächlich von den Wohnungen im vergangenen Jahr in Anspruch genommen wurde und ob noch ausreichend Leistungsreserven vorhanden sind. „Dank der Smart Meter-Technik kann die Frage positiv geklärt werden, indem die Leistungsspitzen der Übergabezähler des vergangenen Jahres ermittelt wurden“, so Schütze. Das Ergebnis: Es waren nicht nur im Haus Afrika, sondern auch bei den beiden Netzanschlüssen der mit zum WagnisArt-Areal gehörenden Nachbargebäude ausreichend ungenutzte Leistungsreserven frei, die nun für das Restaurant genutzt werden können. Das Messkonzept von WagnisART ist in Serien-/Parallelschaltung aufgebaut. Allerdings sieht Geschäftsführer Justus Schütze noch Klärungsbedarf in Bezug auf eine Systematik der Messkonzepte. „Mit fünf Mal seriell und 20 Mal parallel könnte man die unterschiedlichsten Zählerbaumstrukturen aufbauen.“

Die Anlagen sind 2016 ans Netz gegangen. „Man sollte sich von den Unklarheiten, die es noch gibt, nicht abhalten lassen“, sagt Schütze in Bezug auf das neue Gesetz. „Einfacher ist es sicher, wenn man auf den Zuschlag verzichtet.“ Eine ähnliche Empfehlung hat Andreas Horn auf dem eingangs erwähnten Seminar geäußert. „Man sollte das Projekt erst einmal ohne Zuschlag planen, und wenn man ihn dann bekommt, ist es toll.“ Das gilt gerade für kleinere Projekte. Gleichwohl sei keine Zeit zu verlieren. Der Mieterzuschlag werde schnell sinken. Denn der Zuschlag orientiert sich an den im EEG genannten Einspeisetarifen abzüglich eines Abschlags von 8,5 Ct/kWh. Letzterer bleibt nach aktuellem Stand konstant, während die Einspeisevergütung durch die Degression sinkt. In wenigen Jahren könnte das Gesetz schon wieder obsolet sein. Wenigstens sorgt es aktuell für viel Aufmerksamkeit.

Ina Röpcke

Dieser Beitrag ist in SW&W 10/2017 erschienen.

 

Google+