„Global PV Markets“: Neue Wachstumsmärkte

Perspektive des Gastlands: Bei der Eröffnung der Intersolar-Konferenz gab Werner Götz, Vorsitzender der Geschäftsführung des Übertragungsnetzbetreibers TransnetBW GmbH, Einblicke in die Herausforderungen der Energiewende in Deutschland. (Foto: Solar Promotion)
Perspektive des Gastlands: Bei der Eröffnung der Intersolar-Konferenz gab Werner Götz, Vorsitzender der Geschäftsführung des Übertragungsnetzbetreibers TransnetBW GmbH, Einblicke in die Herausforderungen der Energiewende in Deutschland. (Foto: Solar Promotion)
08.06.2017

2016 katapultierte China mit seiner gigantischen Installationsmenge den Photovoltaik-Weltmarkt fast im Alleingang um 50 Prozent nach oben. 2017 wird das Wachstum deutlich schwächer ausfallen, neue dynamische Märkte sind gefragt. Es gibt dafür zum Teil überraschende Kandidaten.

Im vergangenen Jahr hatte sich SolarPower Europe, der Nachfolger des Europäischen Photovoltaikindustrie-Verbands, vorgenommen, mit seinen Marktprognosen optimistischer zu werden. In seinem mittleren Szenario für 2016 sagte der Verband eine weltweit neu installierte PV-Leistung von 62 GW voraus. Das war aber noch nicht optimistisch genug. Wie die meisten Analysten wurde auch SolarPower Europe (SPE) von der Realität überholt: Das tatsächliche Ergebnis, das der Verband ein Jahr später auf der Konferenz „Global PV Markets“ am Vortag der Messe Intersolar Europe in München vorstellte, lag bei 76,6 GW – und war damit fast identisch mit den 76,7 GW aus dem SPE-Szenario für eine sehr hohe Nachfrage.

Der Verband zählt allerdings nicht die PV-Anlagen, die in einem Jahr neu installiert, sondern jene, die neu ans Stromnetz angeschlossen werden. In China ergab das 2016 einen deutlichen Unterschied, weil bis zu 4 GW bereits 2015 gebaut wurden, aber erst 2016 ans Netz gingen. Mit einem riesigen Zuwachs von offiziell 34,5 GW trieb das Land die weltweiten Neuinstallationen 2016 laut SPE-Statistik um über 50 Prozent nach oben. 2017 wird das PV-Wachstum nach allgemeiner Erwartung erheblich schwächer ausfallen, doch SPE-Geschäftsführer James Watson blieb auf der Konferenz optimistisch: „Es gibt eine gute Chance, dass der Markt 2017 sogar die 80-GW-Marke überschreiten könnte.“ Für 2021 prognostiziert das mittlere SPE-Szenario Neuinstallationen von etwa 110 GW.

Europa könnte dann wieder eine größere Rolle spielen als im vergangenen Jahr, in dem der PV-Markt um 22 Prozent auf 6,7 GW schrumpfte. 2017 erreicht er im mittleren SPE-Szenario 8,8 GW und 2021 sogar 15,7 GW. „Wir haben das Gefühl, dass es begründeten Optimismus im Markt gibt“, sagte Watson. „Photovoltaik wird zur billigsten Stromquelle.“ Es sei aber noch ein langer Weg zu gehen, denn auf dem Strommarkt in Europa gebe es derzeit ein Überangebot an Kohle- und Atomstrom.

Niederlande ein Gigawatt-Markt

In Deutschland, dem einstigen PV-Vorreiter, macht sich jedenfalls wieder Optimismus breit. „Wir sehen Wachstum in allen Segmenten“, sagte David Wedepohl, Leiter des Bereichs Markt und Kommunikation beim Bundesverband Solarwirtschaft. Insbesondere PV-Anlagen für Gewerbe und Industrie sind gefragt: „Es hat eine Weile gedauert. Aber jetzt hebt der Sektor wirklich ab“, so Wedepohl. Aufgrund der begrenzten Ausschreibungsmenge für große PV-Kraftwerke werde aber das Ziel der Bundesregierung, jährlichen 2,5 GW zuzubauen, 2017 immer noch nicht erreicht.

Überraschendes tut sich in den benachbarten Niederlanden, die bis vor kurzem wohl niemand als PV-Wachstumsmotor auf der Rechnung hatte. Doch eine neu installierte Leistung von 525 MW im vergangenen Jahr deutet bereits an, dass der niederländische Markt zunehmend an Fahrt gewinnt. Jaap Baarsma, Präsident des Branchenverbands Holland Solar, erläuterte die Hintergründe: Bis 2016 wurde das PV-Wachstum in den Niederlanden vor allem durch rückwärts drehende Stromzähler (Net-Metering) getrieben, im Auktionssystem SDE+ für Strom aus erneuerbaren Energiequellen spielte Photovoltaik kaum eine Rolle. Doch die Biomasse habe nun das vorgesehene Installationsmaximum erreicht und Windkraft an Land stoße auf Akzeptanzprobleme, sagte Baarsma.

Folglich gewann bei der Ausschreibungsrunde im ersten Halbjahr 2017 die Photovoltaik mit stattlichen 2,6 GW zum ersten Mal den größten Anteil. „Einer der Hauptgründe, warum sich der Markt dramatisch gewandelt hat, ist die wachsende Wettbewerbsfähigkeit von Solarstrom“, erklärte Baarsma. Die Niederlande werde ein Gigawatt-Markt sein – wenn nicht bereits dieses, dann nächstes Jahr. Für das kleine Land (ein Fünftel der Bevölkerung und ein Neuntel der Fläche Deutschlands) prognostiziert Baarsma im Jahr 2020 ein gigantisches Installationsvolumen von 3 GW.

Auch in der Türkei rechnet Lara Hayim, Solar-Analystin bei Bloomberg New Energy Finance, 2017 mit 1 GW neu installierter Leistung. Bislang speist sich der türkische PV-Markt vor allem aus sogenannten unlizenzierten Anlagen mit einer Leistung von maximal 1 MW, von denen oft mehrere in unmittelbarer Nachbarschaft kombiniert werden. Hayim schätzt, dass von den 6 GW, die bisher genehmigt wurden, nur die Hälfte realisiert werden wird, da viele Projektentwickler zu unerfahren seien. Zudem versuche die Regierung mittels hoher Netzübertragungsgebühren und verschärfter Auflagen, die Aktivität hin zu lizenzierten Anlagen zu drängen. Von den 600 MW, die schon 2013 bei einer Ausschreibung in diesem Segment den Zuschlag erhielten, wurden bisher jedoch nur 13 MW gebaut, denn hohe Gebühren und langatmige Genehmigungsprozeduren haben die Investoren abgeschreckt.

Außerdem will die Regierung jährlich einen riesigen 1-GW-Solarpark ausschreiben; der Gewinner muss allerdings eine integrierte 500-MW-Solarfabrik vom Silizium-Ingot bis zum Solarmodul in der Türkei errichten und damit den Solarpark beliefern. Den Zuschlag für den ersten Park in der Region Karapinar erhielt im März ein Joint-Venture zwischen Hanwha Q Cells und dem türkischen Unternehmen Kalyon Enerji. Angesichts der vielen Auflagen glaubt Analystin Hayim, dass sich die Aktivitäten in der Türkei künftig zu PV-Anlagen auf Dächern verschieben werden; eine Net-Metering-Regelung sei in Vorbereitung.

Mexiko im Fokus

Auf dem amerikanischen Kontinent dominiert natürlich der US-Markt. Nach einem Rekordzubau von 14,8 GW im vergangenen Jahr erwartet GTM Research dieses Jahr 12,6 GW; das Niveau von 2016 soll erst wieder 2020 erreicht werden. Ein großes Fragezeichen wirft dabei der Antrag des insolventen Modulherstellers Suniva an die Internationale Handelskommission der USA auf – zumal ihn Solarworld Americas unterstützt: Demnach soll die US-Regierung alle importierten Solarzellen mit einem Strafzoll von 0,40 US-Dollar pro Watt belegen und für Solarmodule einen Mindestimportpreis von 0,78 US-Dollar pro Watt einführen. Damit lägen die Systempreise wieder auf dem Niveau von 2015, sagte GTM-Analyst Benjamin Attia auf der Konferenz: „Das bringt ein bedeutendes Risiko für die Projekt-Pipeline.“

Der bisher größte PV-Markt in Mittel- und Südamerika ist Chile, doch er schwächelt etwas, weil sich die neue Übertragungsleitung zwischen dem Nord- und Zentralnetz verzögert. In Brasilien macht sich dagegen die Wirtschaftskrise bei PV-Projekten deutlich bemerkbar. Die Abwertung des Real „bedroht mindestens 42 Prozent der unter Vertrag genommenen Pipeline“, sagte GTM-Analyst Attia. Zwei Ausschreibungsrunden, die 2016 geplant waren, wurden abgesagt. Immerhin will das Energieministerium noch vor Ende 2017 eine neue Auktion abhalten, berichtete Rodrigo Lopes Sauaia, Geschäftsführer des brasilianischen PV-Verbands ABSolar.

Alle Augen richten sich deshalb auf Mexiko. Nach der Liberalisierung des Energiemarkts Ende 2015 erhielten Projektierer von Solarkraftwerken bei den ersten beiden Auktionen für Strom aus erneuerbaren Quellen den Zuschlag für mehr als 3,2 GW (wechselstromseitig). Die Anlagen sollen 2018 und 2019 installiert werden. Für die dritte Auktion erwartet Joscha Rosenbusch, Berater der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Mexiko, Ergebnisse im November 2017.

Bewegung in Südostasien

Was die asiatische Boomregion angeht, legte die Konferenz diesmal den Schwerpunkt auf die aufstrebenden Märkte in Südostasien. Mit einem Zubau von 756 MW schoben sich die Philippinen 2016 vor den bisherigen Spitzenreiter Thailand, der 726 MW neu installierte. Grund für den Aufschwung auf den Philippinen war das bevorstehende Ende des Einspeisetarif-Programms. Für 2017 erwartet Tetchi Capellan, Präsidentin der Philippinischen Solarstrom-Allianz, zunächst einen massiven Rückgang der Installationszahlen auf etwa 50 MW, sie ist aber dennoch optimistisch: Die Philippinen hätten die höchsten Strompreise in der Region, sogar höher als in Japan; Solarstrom sei heute schon billiger als Kohlestrom. Deshalb könnten die PV-Installationen durch Auktionen im privaten Sektor nach Capellans Einschätzung 2018 schon wieder auf 250 MW klettern.

Für Thailand prognostiziert Thomas Chrometzka, Direktor für Erneuerbare Energie bei der GIZ Thailand, 2017 ebenfalls einen schrumpfenden Markt. Da ein paar Regierungsprogramme zurückgefahren werden, geht er von 500 MW aus. Neue Programme für kleine Stromproduzenten und Net-Metering sind aber in Vorbereitung und versprechen ab 2018 wieder Wachstum.

Malaysia und Indonesien, die 2016 jeweils weniger als 100 MW installierten, schicken sich an, zu Thailand aufzuschließen. Malaysia hat bei einer Auktion im Dezember 2016 großen Solarkraftwerken mit insgesamt 451 MW den Zuschlag erteilt und plant 2017 die Vergabe von weiteren 460 MW. Das indonesische Energieministerium gab im Juli 2016 einen Einspeisetarif bekannt, der in der ersten Phase für PV-Anlagen mit insgesamt 250 MW gezahlt werden soll. Izumi Kaizuka, Analystin bei der RTS Corporation in Japan, schätzt, dass die jährlichen Installationen bis 2019 auf 500 MW steigen werden.

Noch in den Kinderschuhen steckt Vietnam. Die im April veröffentlichte Regelung für einen Einspeisetarif müsse noch feingeschliffen werden, sagt Frank Haugwitz, Inhaber der Beratungsfirma Asia Europe Clean Energy (Solar) Advisory in Peking. Dennoch glaubt er, dass 600 bis 800 MW bis zum Jahr 2020 installiert werden. Haugwitz: „Vietnam ist einer der nächsten heißen Märkte im Solarsektor.“

Johannes Bernreuter

 

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