Studie sieht Bürgerbeteiligung als Motor der Energiewende

Wind- und Solarprojekte unterstützen private Investoren besonders gern mit regionalen Partnern. (Foto: iStock)
Wind- und Solarprojekte unterstützen private Investoren besonders gern mit regionalen Partnern. (Foto: iStock)
18.10.2016

Rund die Hälfte der Deutschen interessiert sich für eine finanzielle Beteiligung an erneuerbaren Energieprojekten wie Solar- und Windkraftwerken. Energiegenossenschaften und lokale Energieversorgungsunternehmen stehen dabei als Partner höher im Kurs als Finanzinstitutionen. Dies sind die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von 1.990 Privatpersonen durch die Universität St.Gallen.

Die Studie gibt Aufschluss über Investitionspräferenzen und Renditeprofile von Privatpersonen und eröffnet somit eine neue Perspektive auf die Finanzierungsdebatte der deutschen Energiewende. Solar- als auch Windenergie stehen für die Befragten in ihrer Wunschinvestition an erster Stelle. Diese Technologien sind als Anlageobjekte beliebter als Kleinwasserkraft und Biomasse. Die bevorzugte Investitionssumme variiert zwischen den Befragten.

Großes Investitionsinteresse, trotz Risiken

Rund ein Drittel der potentiellen Investoren möchte sich mit einer Summe von bis zu 1.000 Euro beteiligen, ein Großteil der Befragten ist auch bereit mit größeren Beträgen einzusteigen. 29% der interessierten Investoren würde bis zu 5.000 Euro anlegen, 19% gar bis zu 10.000 Euro, dies obschon sie die Risiken als vergleichbar mit Investitionen in Start-Ups oder Kleinunternehmen ansehen.

Nur wenige der Befragten denken, dass das Risikoprofil von Direktbeteiligungen an Energieprojekten auf einem Niveau mit ihrem Sparguthaben oder Rentenpapieren liege. Die potentiellen Investoren beurteilen derartige Anlagen dabei nicht nach komplexen Finanzindikatoren, sondern verlassen sich auf eine Abschätzung der Amortisationszeit (35%) oder ihr Bauchgefühl (27%).

Moderate Renditeforderungen – Please in my backyard (PIMBY)

Im Vergleich zu Solar- oder Windanlagen verlangen die befragten Anleger für Investitionen in Kleinwasserkraft einen Risikoaufschlag von 1.44 % über dem Basiswert. Was den bevorzugten Standort des Projekts anbelangt, so äußern die Befragten eine leichte Vorliebe für Investitionen in ihrer Region gegenüber Projekten in anderen Teilen Deutschlands. Dies kann ein Indiz dafür sein, dass Bürgerbeteiligungsprojekte ein Mittel sein können, um die viel diskutierte „Not in my backyard“ (NIMBY)-Haltung in ihr Gegenteil zu verkehren: „Please in my backyard“ (PIMBY). Mit Blick auf die Wahl des Partners zeigen sich deutliche Unterschiede. Lokale Energieversorgungsunternehmen und Energiegenossenschaften sind wesentlich beliebter als Finanzinvestoren. Würden die deutschen Bürgerinnen und Bürger ihr Kapital Finanzinvestoren anvertrauen, so nur gegen eine Risikoprämie von 2.67 %.

Zwei Zielgruppen: „Lokalpatrioten“ und „Renditeinvestoren“

Insgesamt lässt sich die befragte Bevölkerung in Bezug auf die angegebenen Präferenzen in zwei Zielgruppen aufteilen. Der eine Teil, die „Lokalpatrioten“ (53.5 %), zeigt klare Präferenz für lokale Energieerzeugung in Kooperation mit lokal verankerten Partnern, und ist im Gegenzug bereit, Abstriche bei der Rendite in Kauf zu nehmen. Die zweite Gruppe, die „Renditeinvestoren“ (46.5 %), legen starken Wert auf eine angemessene finanzielle Rendite, wobei die lokale Komponente klar in den Hintergrund rückt. Beide Gruppen haben eine Vorliebe für kürzere Laufzeiten der Investition (2 bis 5 Jahre), wohingegen bei einer zehnjährigen Laufzeit eine Risikoprämie von 2.76 % gefordert wird.

Die repräsentative Studie wurde von der Universität St.Gallen unter 1.990 Bürgerinnen und Bürgern der Bundesrepublik Deutschland durchgeführt. Der Schwerpunkt der Befragung lag in der Durchführung eines Wahlexperiments mit dem die Präferenzen und Risiko-Rendite-Erwartungen der potentiellen Investoren ermittelt wurden. Die wissenschaftliche Leitung lag beim Lehrstuhl für Management Erneuerbarer Energien. Die Finanzierung der Umfrage erfolgte im Rahmen der Schweizerischen Energieforschungskompetenzzentren des Bundes (SCCER).

 

Die Autoren:

Sarah Salm, M.Sc., ist seit März 2014 Doktorandin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Wirtschaft und Ökologie (IWÖ-HSG) der Universität St.Gallen und war im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Assistenz Programm-Managerin des berufbegleitenden Weiterbildungsstudiengangs in Management erneuerbarer Energien (REM-HSG). Im Verlauf ihres Studiums der Wirtschaft und Energietechnik an der Technischen Universität München sowie in Buenos Aires spezialisierte sie sich auf kapitalmarktbezogene Forschung erneuerbarer Energien. Praktische Erfahrung sammelte sie bei namhaften Unternehmen der Finanzbranche in Deutschland sowie dem außereuropäischen Ausland. Im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit am Lehrstuhl für Management erneuerbarer Energien beschäftigt sich Frau Salm mit der Finanzierung erneuerbarer Energien im europäischen Kontext. Besonderen Fokus erlangen dabei die finanziellen Investitionserfordernisse privater, strategischer und institutioneller Investoren. Im Rahmen eines Forschungsaufenthaltes am Imperial College in London untersucht sie derzeit die marktbasierte Performance von erneuerbaren Energie Investitionen.

Prof. Stefanie Lena Hille (geb. Heinzle) ist Assistenzprofessorin am Institut für Wirtschaft und Ökologie an der Universität St. Gallen. In ihrer Forschungstätigkeit beschäftigt sie sich vor allem mit dem Verbraucherverhaltens im Bereich des Energiekonsums von Privatpersonen um damit die Grundlage für empirisch fundierte Politik- und Marketingempfehlungen zu legen. Im Rahmen der KTI-finanzierten Schweizerischen Energieforschungs-Kompetenzzentren ist sie als Board Member des wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Kompetenzzentrums (SCCER CREST) tätig, wo sie auch die Co-Leitung eines Arbeitspakets zu Energie-Konsumentenverhalten innehat.

Prof. Dr. Rolf Wüstenhagen ist Direktor des Instituts für Wirtschaft und Ökologie (IWÖ-HSG) und Inhaber des Good Energies Lehrstuhls für Management erneuerbarer Energien an der Universität St. Gallen. Seit 2014 leitet er überdies das interdisziplinäre Center for Energy Innovation, Governance and Investment (EGI-HSG). Der Wirtschaftsingenieur (TU Berlin) habilitierte 2007 zum Thema "Venturing for Sustainable Energy". In den Jahren 2005 bis 2014 war er Gastprofessor bzw. Visiting Scholar an der University of British Columbia in Vancouver, der Copenhagen Business School, der National University of Singapore und der Tel Aviv University. Rolf Wüstenhagen ist akademischer Direktor des Weiterbildungsprogramms Renewable Energy Management (REM-HSG).