Regenerativ-Strom von nebenan

Stadtansicht Elberfeld: Regenerativ-Strom für Wuppertal aus dem Bergischen Land bietet die neue Plattform Tal.Markt. Foto: WSW
Stadtansicht Elberfeld: Regenerativ-Strom für Wuppertal aus dem Bergischen Land bietet die neue Plattform Tal.Markt. (Foto: WSW)
06.03.2018

So kann Stromdirektvermarktung aussehen: Eine digitale Plattform verbindet Produzenten erneuerbarer Energien und Kunden, die Wert auf eine regional und ökologische Stromerzeugung legen. Betreiber von Wind- und Solarparks, Biogas- oder Wasserkraftanlagen können dort direkt auf Abnehmersuche gehen. Und die Kunden finden Erzeuger, die im Ökostromportfolio nicht Wasserkraft aus Norwegen anbieten, sondern deren Anlagen in derselben Region stehen.

Dieses Angebot machen die Wuppertaler Stadtwerke (WSW) seit Ende vergangenen Jahres über die Plattform Tal.Markt. Entstanden ist die Idee bei den Diskussionen über Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain-Technologie. „Wir haben uns gefragt, welche Rolle Blockchain für die Energiewirtschaft spielen kann“, sagt Andreas Brinkmann, Vertriebsleiter bei WSW. Eher zufällig sei man in Kontakt mit dem Schweizer Energiehändler Axpo gekommen, der sich seit längeren mit der Technik beschäftigt. Gemeinsam habe man die Idee eines „Heimatmarktes“ für Energieerzeuger entwickelt. „In sehr kurzer Zeit haben wir dann eine Kooperation geschlossen und sind nach nur einem halben Jahr mit Tal.Markt an den Start gegangen“, berichtet Brinkmann.

Und so funktioniert Tal.Markt: Die Konsumenten registrieren sich auf der Plattform und können sich - wie bei einem Markt - zunächst umsehen. Wenn sie ein Stromangebot finden, das ihnen zusagt, schließen sie einen Liefervertrag mit den WSW, die auch Vertragspartner der Anbieter sind. „Wir sind die Betreiber des Marktplatzes, der Kunde entscheidet über den Strommix“, erklärt Andreas Brinkmann. Die WSW übernehmen zudem alle Aufgaben des Energiemanagements und die Energielieferung, sollten die Erneuerbaren mal nicht produzieren: KWK- Strom aus der Wuppertaler Müllverbrennungsanlage.

Blockchain kommt zum Einsatz, um für die Kunden auf die Viertelstunde genau die Energiemenge zu deklarieren, die geliefert und verbraucht wurde. Eine Abrechnung erfolgt monatlich, die Stromrechnung kann jeden Monat in der Höhe schwanken - je nachVerbrauch und Lieferant. Die Kunden können ihr Portfolio jederzeit ändern, wenn ihnen ein anderer Anbieter besser gefällt. „Wir nutzen eine so genannte private Blockchain“, erklärt Brinkmann. Die Rechnerkapazität bietet der Schweizer Kooperationspartner. Im Vergleich zu einer öffentlichen Blockchain ist die Rechnerleistung nicht so groß und daher auch der Energieverbrauch geringer.

Derzeit hat Tal.Markt 130 registrierte Nutzer, einen Vertrag haben „einige Dutzend“ abgeschlossen, so Brinkmann. Sieben Anlagen produzieren für Tal.Markt, eine achte und neunte seien im Gespräch. „Derzeit sind noch alle Tal.Markt-Anlagen bei uns in der Direktvermarktung“, sagt Brinkmann. Daher beruht der Preis des Angebots auch auf der EEG-Vergütung und ist von der WSW kalkuliert. Für mehr Bewegung könnten Anlagen sorgen, die nicht mehr oder gar nicht über das EEG vergütet werden, meint der Vertriebschef. Hier sieht er neben der regionalen Komponente das zweite große Argument für eine Vermarktungsplattform. Spätestens wenn ab 2020 Möglichkeiten für einen rentablen Weiterbetrieb von PV- und Windenergieanlagen ohne EEG-Vergütung gesucht werden, könnten so die Stadtwerke eine wichtige Rolle spielen.

Noch ist Tal.Markt auf ein Jahr Laufzeit begrenzt und beschränkt sich auf das Bergische Land, aber Brinkmann ist sich sicher, dass das Angebot weiterlaufen und größer werden wird. „Ich glaube nicht, dass die Blockchain-Technologie uns als Stadtwerke überflüssig macht, wie viele unken“, sagt er. Die Vorstellung, dass Kunden mit jedem einzelnen Anlagenbetreiber einen Vertrag abschließen oder jeder Betreiber sich selbst seine Kunden sucht, sei absurd. Im Gegenteil: „Wir kennen als Energieversorgen alle Aufgaben wie Bilanzkreisverantwortung. Gleichzeitig nehmen viele Menschen wahr, was in ihrer Region passiert und wollen mit entscheiden - auch was ihre Stromversorgung angeht. Das zusammenzubringen, ist unsere Aufgabe.“

Katharina Wolf

Der Beitrag ist in SONNE WIND & WÄRME 1+2/2018 erschienen.

Google+