Ökostromanbieter stellen sich veränderten Marktbedingungen

Beim Windpark auf dem Rohrenkopf oberhalb der Schwarzwaldgemeinde Gersbach setzt EWS auf Bürgerbeteiligung. (Foto: EWS/Erich Meyer)
Beim Windpark auf dem Rohrenkopf oberhalb der Schwarzwaldgemeinde Gersbach setzt EWS auf Bürgerbeteiligung. (Foto: EWS / Erich Meyer)
20.04.2017

Ausschreibungen ändern die EEG-Förderung für Wind- und Solarstrom grundlegend, zugleich sorgt die Stromkennzeichnung dafür, dass konventionelle Energieversorger einen immer höheren Ökostromanteil ausweisen. Wie stellen sich die ursprünglichen Ökostromanbieter diesen Herausforderungen?

Auf dem 1.170 Meter hohen Rohrenkopf im Schwarzwald haben die Elektrizitätswerke Schönau (EWS) im Februar dieses Jahres den höchsten und zugleich am weitesten südlich gelegenen Windpark Deutschlands in Betrieb genommen. Fünf Windenergieanlagen vom Typ Enercon E-115 mit einer Nabenhöhe von 149 m und einer installierten Gesamtleistung von 15 MW können rechnerisch bis zu 15.000 Haushalte mit klimafreundlicher Energie versorgen. Rund 29 Mio. € wurden auf der Bergkuppe im Südschwarzwald investiert. Für die Stromrebellen aus Schönau ist es laut Unternehmensangaben das erste selbstentwickelte Windprojekt. Und für den neuen Windpark am Rohrenkopf gehen die EWS nun noch einen weiteren neuen Schritt: Die örtliche Bevölkerung soll sich an dem Windpark beteiligen können. Dieses Angebot ist eine Reaktion auf die teilweise heftigen Widerstände gegen den Bau des Windparks im Südschwarzwald. „Wir wollen drei der fünf Anlagen an die lokale Bevölkerung verkaufen, möglichst an Bürgerenergiegenossenschaften“, erklärt Projektleiter Tobias Tusch.

Wind- und Solarstrom aus der Versorgung verschwunden

„EEG-Strom ist nicht für die Belieferung der Endkunden geeignet, weil der Strom aus der Förderung herausgekauft werden müsste“, erklärt Ralph Kampwirth, Bereichsleiter Unternehmenskommunikation der Hamburger Lichtblick SE. Während Strom im Großhandel zu 3 bis 4 Ct/kWh gekauft werden kann, müsste für einen direkten Bezug aus EEG-Anlagen ein mehr als doppelt so hoher Preis gezahlt werden. „Für EEG-Strom gibt es derzeit kein Vermarktungsmodell mehr“, bringt es Kampwirth auf den Punkt. Eine Einschätzung, die auch andere Ökostromanbieter teilen. „Seit dem Wegfall des Grünstromprivilegs mit der EEG-Novelle 2014 ist es leider nicht mehr wirtschaftlich möglich, Strom aus kleinen Wind- und PV-Anlagen direkt an Endkunden zu liefern“, teilt die Düsseldorfer Naturstrom AG auf Nachfrage von SW&W mit.

Bis zum Sommer 2014 sah das noch ganz anders aus, damals hatte Naturstrom noch direkte und langfristige Lieferverträge mit Betreibern von kleinen und mittleren Windkraftanlagen und bezog große Mengen Windstrom für die Kundenversorgung. Dies sei heute aber nicht mehr möglich und so kaufen inzwischen auch Ökostromanbieter inzwischen zumeist Strom aus deutschen oder österreichischen Wasserkraftwerken ein, um ihre Kunden versorgen zu können. Damit heben sich die Ökostromanbieter positiv von der großen Mehrheit der deutschen Energieversorger ab, die ihre Strommengen oder im schlimmsten Fall nur noch die Herkunftsnachweise aus Skandinavien beziehen.

Ausschreibungen belasten neue Projekte

Ungemach droht der Ökostrombranche auch noch aus einer anderen Ecke. Betreiber neuer Ökostrom-Anlagen erhalten seit dem 1. Januar keine garantierte Einspeisevergütung mehr, sondern müssen sich in Ausschreibungen um die Förderung bewerben. Die niedrigsten Gebote bekommen am Ende den Zuschlag. Das dürfte vor allem die Chancen für genossenschaftlich organisierte Projekte verschlechtern, so die Branchenerwartung. „Das neue EEG verlangsamt den Ausbau der erneuerbaren Energien und bevorzugt große Unternehmen“, befürchtet Sönke Tangermann, Vorstand von Greenpeace Energy.

Mit einem neuen Angebot will der genossenschaftlich organisierte Anbieter nun die Chancen für Bürgerenergie-Projekte wieder steigern und kleinen Akteuren mit der Bereitstellung von Kapital helfen, damit auch weiterhin Projekte geplant und umgesetzt werden können. So soll die im EEG vorgesehene Pönale von Greenpeace übernommen werden. Diese Strafzahlung ist bei erfolgreichen Projekten zu entrichten, wenn sie am Ende doch nicht umgesetzt werden. Dazu soll sich die Kraftwerkstochter Planet Energy an den Projekten der Bürgerenergiegesellschaft beteiligen, zudem soll der Dienstleister mit seinem jahrelangen Erfahrungsschatz den Bürgerenergie-Akteuren beim Bau von Ökostrom-Kraftwerken zur Seite stehen. Ähnlich wie die großen Energiekonzerne „müssen sich auch die Ökostromanbieter neu erfinden“, ist Lichtblick-Sprecher Kampwirth überzeugt. Entscheidende Impulse für die weitere Geschäftsentwicklung erwarten die Hamburger vor allem von neuen IT-Dienstleistungen und der intelligenten Vernetzung dezentraler Erzeugungsanlagen. „Der Ökostromkunde von heute ist der Schwarmstromkunde von morgen“, hat Kampwirth neue Kundengruppen im Blick.

Kai Eckert

Eine Langversion dieses Artikels erscheint in SW&W 4/2017.

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