Mehrfamilienhäuser mit Energie-Flatrate

Auf den nach Süden gerichteten Dächern und einem Teil der Fassaden werden je Gebäude Sonnenkollektoren mit 70 kW thermischer Leistung und Solarstrommodule mit 29,6 kW elektrischer Leistung montiert. (Grafik: Sonnenhausinstitut)
Auf den nach Süden gerichteten Dächern und einem Teil der Fassaden werden je Gebäude Sonnenkollektoren mit 70 kW thermischer Leistung und Solarstrommodule mit 29,6 kW elektrischer Leistung montiert. (Grafik: Sonnenhausinstitut)
22.06.2017

In Cottbus baut die Wohnungsgenossenschaft eG Wohnen zwei Mehrfamilienhäuser, die sich weitgehend selbst mit Wärme, Strom und Elektromobilität aus der Sonne versorgen. Die Mieter sollen eine über zehn Jahre garantierte Pauschalmiete inklusive Energie-Flatrate für Wärme und Strom erhalten.

In Cottbus plant die Wohnungsgenossenschaft eG Wohnen nun eine Revolution im Wohnungsmarkt. Sie will den Mietern von zwei neuen Mehrfamilienhäusern eine auf zehn Jahre garantierte Pauschalmiete bieten – inklusive einer Energie-Flatrate für Wärme und Strom. Möglich machen sollen dies große Solarwärme- und Solarstromanlagen sowie Langzeitenergiespeicher.

Sonnenhaus als Ursprung

Das energetische Grundkonzept der Gebäude geht auf das Sonnenhaus-Konzept zurück. Seit Anfang der 1990er Jahre wurden weit über 2.000 dieser weitgehend solar beheizter Häuser gebaut. Der Freiberger Honorarprofessor und Experte für Solartechnik Timo Leukefeld hat den bewährten Ansatz des Sonnenhaus-Instituts zum Konzept der „vernetzten energieautarken Gebäude“ weiterentwickelt.

Das Prinzip ist denkbar einfach: Mit großen Solarwärme- und Solarstromanlagen auf den nach Süden gerichteten Dachflächen und an den Fassaden werden hohe Autarkiegrade in der Wärme- und Stromversorgung erreicht. Strom und Wärme, die gerade nicht benötigt wird, kann in Langzeitenergiespeichern für den späteren Verbrauch zwischengespeichert werden. In Cottbus sollen 60 bis 70 % des Energiebedarfs für Elektrizität und die Heizung mit kostenfreier Solarenergie erzeugt werden.

Die Kosten für die Restenergiemenge sind gut planbar, deshalb kann der Vermieter eine Pauschalmiete anbieten. „Das ist das Prinzip der Nahe-Null-Grenzkosten“, erklärt Timo Leukefeld, der das Energiekonzept für die eG Wohnen geplant hat. Er berät die größte Wohnungsgenossenschaft Brandenburgs auch bei der Umsetzung. „Zu Anfang ist die Investition höher, dafür sind die Energiekosten in der Zukunft aber gleich abgedeckt.“

Intelligent verschwenden

„Die Leute können sich bewegen, wie sie wollen und brauchen sich nicht an die Technik anzupassen“, benennt Leukefeld einen wesentlichen Vorteil des solaren Baukonzeptes. „Sie können die Solarenergie intelligent verschwenden, ohne horrende Nebenkostenrechnungen befürchten zu müssen.“ Dafür werden einige „energetische Sicherungen“, wie Leukefeld es nennt, eingebaut. So wird beispielsweise die sehr gut dämmende Gebäudehülle den Wärmebedarf auf ein Minimum reduzieren.

Und der Geschirrspüler wird an das warme Wasser, das größtenteils von Solarenergie erwärmt wird, angeschlossen. „Das spart bis zu 80 % Stromkosten und der Geschirrspüler kann bedenkenlos und häufig benutzt werden, ohne dass die Energiebilanz verhagelt wird“, erläutert Leukefeld. Uwe Emmerling, Vorsitzender der eG Wohnen, beschäftigt sich derzeit noch mit der Pauschalmiete. Sie soll um die 10,50 € betragen. Vorher seien aber noch einige rechtliche Vorgaben zu erfüllen, die sich zum Beispiel aus dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz, dem Energiewirtschaftsgesetz und dem Mietrecht ergeben.

Auch einen Energieversorger will er noch mit ins Boot holen. Das ist ein weiteres Prinzip der vernetzten energieautarken Gebäude. Energieversorger sollen die großen Speicher nutzen können, um überschüssigen Wind- und Solarstrom in Form von Wärme oder Strom zu speichern und bei Bedarf wieder zu entnehmen. Auf die Weise profitieren nicht nur die Bewohner und die Vermieter von dem Energiekonzept, sondern auch die Allgemeinheit. Wenn lokale Speicherkapazitäten genutzt werden, sinkt der Bedarf für den Ausbau des öffentlichen Stromnetzes. Uwe Emmerling will dazu gern beitragen. Wenn das Pilotprojekt ein Erfolg wird, wovon er überzeugt ist, will die Genossenschaft noch mehr solcher Mietshäuser bauen. Die Revolution im Wohnungsmarkt hat gerade erst begonnen.

Das Energiekonzept

Die vernetzten Mehrfamilienhäuser der eG Wohnen sind für die aktive und passive Nutzung der Solarenergie optimiert. Die Gebäude (KfW-Effizienzhaus-Standard 55) mit jeweils 600 m2 beheizter Wohnfläche werden mit hochwärmedämmendem einschaligem Ziegelmauerwerk errichtet. Dies macht eine außen aufgebrachte Dämmung überflüssig. Hierdurch, aber auch durch die Ausrichtung nach Süden wird der Wärmebedarf sehr stark reduziert. Der Heizwärmebedarf wird fast auf Passivhausniveau liegen.

Die Dächer sind mit 50° steiler als üblich, damit im Winter bei tief stehender Sonne viel Wärme und Strom erzeugt werden kann. Auf den nach Süden gerichteten Dächern und einem Teil der Fassaden werden je Gebäude Sonnenkollektoren mit 70 kW thermischer Leistung und Solarstrommodule mit 29,6 kW elektrischer Leistung montiert.

Die Heizenergie, die gerade nicht benötigt wird, fließt für den späteren Verbrauch in einen Langzeitwärmespeicher mit 24,6 m3 Wasser. Im Sommer kommt überschüssige Wärme über ein Nahwärmenetz zwei Nachbargebäuden zugute. Dadurch werden auch hier die Heizkosten reduziert und der Ertrag der Solarthermieanlage wird verdoppelt. Der geringe verbleibende Heizenergiebedarf wird mit einem Gasbrennwertkessel mit 40 kW Leistung erzeugt. Das warme Wasser wird über Frischwasserstationen bereitet.

Die Photovoltaikanlage wiederum liefert Strom für die Haushaltsgeräte, die Anlagentechnik und Elektroautos. Für die Speicherung des Solarstroms werden Lithium-Ionen-Akkus mit jeweils 54 kWh Speicherkapazität eingebaut.

Jens-Peter Meyer / Sonnenhausinstitut

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