"Die sogenannte Technologieoffenheit ist nicht mehr zeitgemäß"

Dr. Julia Verlinden ist energiepolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen und hat eine recht genaue Vorstellung davon, wie man die Wärmewende beschleunigen könnte. (Foto: Julia Verlinden)
Dr. Julia Verlinden ist energiepolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen und hat eine recht genaue Vorstellung davon, wie man die Wärmewende beschleunigen könnte. (Foto: Julia Verlinden)
17.12.2015

"Die Förderung von fossilen Brennwertheizungen ist ein Anachronismus"

SW&W: Weniger drastisch ist sicher der Vorschlag die Förderung von Brennwertkesseln abzuschaffen. So erstattet die KfW etwa noch immer 10 % der Anschaffungskosten eines Brennwerkesels, selbst wenn keinerlei erneuerbaren Energien zum Einsatz kommen. Wie müsste die KfW-Förderung ihrer Meinung nach reformiert werden? Und wie Sinnvoll ist es überhaupt KfW-Förderung und BAFA-Förderung parallel laufen zu lassen?

Verlinden: Die Förderung von Brennwertheizungen auf Öl- oder Erdgasbasis ist auf jeden Fall ein Anachronismus. Damit muss Schluss sein. Das Festhalten an der sogenannten Technologieoffenheit bei der Bewilligung von öffentlichen Fördermitteln ist nicht mehr zeitgemäß. Schließlich geht es darum, öffentliche Gelder so zielgenau wie möglich für mehr Klima- und Umweltschutz einzusetzen und auch langfristig sinnvolle Investitionsentscheidungen zu treffen. Wir dürfen keine neuen Abhängigkeiten von fossiler Energie für die nächsten Jahrzehnte schaffen. Das muss auch Leitlinie für alle Förderprogramme werden – egal ob über KfW oder BAFA.

"Die Bundesregierung besonders groß darin, Pläne oder Papiere anzukündigen"

SW&W: Die Bundesregierung plant das Erneuerbe-Energien-Wärmegesetz (EEWärmeG) und die Energieeinsparverordnung (EnEV) besser anzupassen, vielleicht sollen sie sogar vereinigt werden. Was halten Sie von diesem Plan und wie sollte er ausgestaltet werden?

Verlinden: Die Bundesregierung ist im Moment besonders groß darin, Pläne oder Papiere anzukündigen oder Gesprächsplattformen ins Leben zu rufen. Doch bei der Umsetzung der konkreten Maßnahmen für Energieeffizienz und Klimaschutz hakt es gewaltig. Hier muss die Regierung endlich aktiv werden. Es ist grundsätzlich richtig, EEWärmeG und EnEV besser zu verknüpfen. Entscheidend ist aber, was dabei raus kommt. Für mich sind das im Wesentlichen drei Dinge: Energieeinsparung, CO2-Minderung und Praxistauglichkeit. Wir können uns im Gebäudesektor einfach keinen weiteren Stillstand leisten. Hier geht es viel zu langsam voran. 

"Wirwollen die Wärmenetze für die Einspeisung Erneuerbarer Wärme öffnen"

SW&W: In der letzten Zeit wird immer mehr von der Sektorkopplung gesprochen, also zum Beispiel die Verknüpfung des Strom- und Wärmesektors gesprochen. Vor allem Wärmenetze sollen dabei eine Rolle spielen. Bisher beschränken sich die Anstrengungen fast ausschließlich auf die KWK. Mit Ausnahme einiger Biomasseanlagen spielen erneuerbare Energien wie Solarthermie oder Wärmepumpen bisher keine Rolle. Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, um hier die Klimaschutzpotenziale der Erneuerbaren besser zu heben?

Verlinden: Wir Grüne wollen die Wärmenetze für die Einspeisung Erneuerbarer Wärme öffnen und die Rolle der Nahwärmenetze insgesamt stärken. Damit würde eine wesentliche Hürde für die Nutzung der Erneuerbaren für die Wärmeversorgung wegfallen. Neben Bioenergie könnten so auch Solarthermie und Wärmepumpen im größeren Maßstab zum Einsatz kommen, wie das beispielsweise in Dänemark schon passiert. Auch industrielle Abwärme könnte stärker genutzt werden. Mittel- bis langfristig kommen dann Power-to-Heat und Power-to-Gas als weitere Technologien auf Basis von Öko-Strom dazu. Wärmenetze und -speicher bieten dafür die richtige Infrastruktur.

SW&W: Die Wärme wird bisweilen auch als neue Möglichkeit gehandelt um Energiegenossenschaften neue Handlungsfelder zu geben, vor allem da Investitionen in Wind- und Photovoltaik für sie immer schwerer werden. Anderseits sind Projekte hier oft komplizierter. Was halten Sie von dieser Möglichkeit, glauben Sie die Politik könnte hier helfen?

Verlinden: Ohne das finanzielle und ideelle Engagement der Bürgerinnen und Bürger wäre die Energiewende in Deutschland lange nicht so weit wie sie ist. Etwa die Hälfte der installierten Erneuerbaren-Strom-Kraftwerke ist in der Hand von Privatleuten, Landwirten oder Menschen, die sich in Genossenschaften organisiert haben. Diese Kraft dürfen wir auf keinen Fall abwürgen. Wir Grüne werden deshalb bei der anstehenden Novelle des EEG für die Bürgerenergie kämpfen.

"Bei der Wärmeversorgung sehe ich große Potenziale für mehr Bürgerengagement"

Aber auch im Bereich Energiesparen und Wärmeversorgung sehe ich große Potenziale für mehr Bürgerengagement – sie sprechen da ein wichtiges Thema an, das mir sehr am Herzen liegt. Insbesondere die Kommunen sind hier gefragt. Konkrete Projekte wie die energetische Sanierung von Schulen, Bibliotheken oder Schwimmbädern können gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern oder Energiegenossenschaften auf den Weg gebracht werden.

Die Bundespolitik muss solche Ansätze mit dem passenden rechtlichen Rahmen sowie Beratungs- und Förderprogrammen flankieren. Dann bringen wir die Bürgerenergiewende auch im Gebäudebereich auf den Weg. Im Februar hat die grüne Bundestagsfraktion ein Fachgespräch dazu durchgeführt. Die Ergebnisse sind in einem Reader zusammengefasst und online verfügbar.

Das Interview führte Jan Gesthuizen

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