„Hier wird geduzt“

Das Programm wurde unkompliziert von den Teilnehmern selbst bestimmt.(Foto: Jan Gesthuizen)
Das Programm wurde unkompliziert von den Teilnehmern selbst bestimmt. (Foto: Jan Gesthuizen)
24.09.2014

Das „Sie“ war verboten und auch die großen Namen aus Vorständen, Aufsichtsräten oder Verbänden waren nicht gekommen. Ein festes Programm gab es auch nicht. Gerade deshalb war das Barcamp renwebales in Kassel eine erfrischende Veranstaltung.

Der Klimaschutz und die Energiewende haben die Öko-Ecke schon lange verlassen, inzwischen geht es meist ums Geschäft. Das ist auch gut so, denn nur so war es möglich Solar-, Wind- und Bioenergie so weit zu verbreiten, wie sie es heute sind. Trotzdem braucht es sie noch, die Überzeugungstäter und Vordenker.

In Kassel trafen sich vergangenes Wochenende über 100 davon beim Wechselrichterhersteller SMA, um zwanglos die Probleme und die Chancen der Energiewende anzugehen. Welche Themen im Laufe des Tages bearbeitet werden sollten, klärte man mal eben kurz nach dem Frühstück - der Themenmix, der daraus entstand, konnte sich sehen lassen.

Was bringen Smart Homes?

So traf man sich zum Beispiel spontan zu einer Diskussionsrunde über das Thema Smart Home und fragte sich, führen die smarten Gebäude vielleicht sogar zu einem erhöhten Stromverbrauch, statt Energie einzusparen? Pauschal bejahen wollte das niemand, allerdings stellte sich schon heraus, dass wer eh schon sparsam mit Energie umginge, vermutlich nicht viel aus Smart-Home-Lösungen herausholen könne.

Anderseits berichteten wieder andere von Feldversuchen, bei denen sich recht ordentliche Energieeinsparungen realisieren ließen. Dies lag aber weniger daran, dass die Smart-Home-Lösungen immer so gut funktioniert hätten, diese seien nämlich oft viel zu kompliziert. Geholfen habe aber, dass sich viele Personen überhaupt einmal aktiv mit dem Thema Energieeffizienz befasst hätten.

Strom sparen ist asozial

Anderseits erklärte Björn-Lars Kuhn von Proteus Solutions an anderer Stelle mit einem Augenzwinkern: „Stromsparen in Deutschland ist asozial.“ Zumindest wenn man der Logik der letzten EEG-Novelle folgt, die es bestraft, wenn man dank PV-Anlage weniger Strom aus dem Netz bezieht.  Nur auch ohne Solaranlage lässt sich weniger Netzstrom beziehen, einfach durch banales Stromsparen. Auf die Idee dies mit zusätzlichen Kosten zu belegen kommt aber niemand. 

Doch nicht nur Technik und das EEG waren Thema beim Barcamp Renewables. Die Energiewende kommt bekanntlich von unten. Seien es Bürgergenossenschaften, die PV-Anlage auf dem privaten Hausdach oder die Rekommunalisierung von Strom- und Wärmenetzen. Damit das so bleibt, muss man die Energiewende also auch den Menschen kommunizieren. Dazu tauschte man sich zum Beispiel in einem Workshop von Nicole Münziger von Top50 Solar darüber aus, mit welchen Kommunikationsstrategien man bisher besonderen Erfolg hatte. Und mindestens genauso wichtig: mit welchen auch nicht.

Crowdfunding und das liebe Geld

Auch wenn Überzeugungstäter zusammenkommen, ganz ohne das Thema Geld geht es natürlich nicht. So stellte etwa Cornelia Daniel von der Dachgold Solaranlagen Beratung die Frage, was kostet Energie eigentlich?

Noch heute hört man beispielsweise immer wieder, dass die Kilowattstunde Atomstrom etwa 4,8 Cent koste.  Diese Zahl ist allerdings alt und außerdem anhand völlig unrealistischer Voraussetzungen. So zeigte Cornelia Daniel anhand ihres selbst entwickelten Stromgestehungskostenrechners, dass man bei der Berechnung etwa davon ausgegangen sei, dass ein Atomkraftwerk 60 Jahre laufen könne und in dieser Zeit auch zu 90 % ausgelastet sei. Nur gibt es auf der ganzen Welt kein einziges Atomkraftwerk, das dieses alter je erreicht hätte. Und auch die Auslastung von 90 % gehört kritisch hinterfragt. In Frankreich etwa sind eher 77 % üblich.

Geld war auch das Thema bei Energieblogger Andreas Kühl, der sich intensiv mit dem Crowdfunding von erneuerbaren Energien auseinandergesetzt hat. Die Idee dahinter ist dem der Energiegenossenschaft nicht ganz unähnlich. Es geht darum, dass viele Menschen zusammen mit kleinen Beträgen die Investition von Solarparks oder Windrädern stemmen. So weit so schön. Im Gegensatz zur Energiegenossenschaft geht es beim Crowdfunding allerdings viel anonymer zu und es fehlt auch der regionale Bezug, den die Genossenschaften in der Regel haben. Ob das gut oder schlecht ist, hängt vom Betrachter ab. Nicht jeder sucht die enge Bindung an eine Genossenschaft, anderseits bietet diese auch eine nicht zu unterschätzende Vertrauensbasis.

Klar wurde zumindest schnell, dass man nur kleine Summen in einzelne Crowdfunding-Projekte stecken sollte. Denn rechtlich gesehen handelt es sich dabei meist um sogenannte Nachrangdarlehen. Die bieten zwar oft ordentliche Renditen, wenn aber mit dem jeweiligen Projekt etwas schief geht, ist der Crowdfunder einer der Ersten, der sein Geld komplett verliert. Zumindest bietet das Crowdfunding aber die Möglichkeit auch sehr kleine Beträge anzulegen. Und mit kleinen Beträgen kann auch der Geringverdiener in verschieden Anlagen investieren und so das Risiko streuen.

Jan Gesthuizen

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