Geoengineering: Wenn Klimaleugnen nicht mehr hilft (ein Kommentar)

Geoengineering: Wenn Klimaleugnen nicht mehr hilft (Foto: iStock)
Geoengineering: Wenn Klimaleugnen nicht mehr hilft (Foto: iStock)
08.12.2017

Nachdem sich Klimaleugner argumentativ auf immer dünnerem Eis bewegen (Achtung: Wortspiel), muss jetzt ein neuer Ansatz her, die Notwendigkeit einer weltweiten Energiewende infrage zu stellen. Und das neue Zauberwort ist schon gefunden: Geoengineering. Es wird uns in der nächsten Zeit absehbar häufiger begegnen.

Unter Geoengineering – wahlweise auch Climate-Engineering – werden großtechnische Maßnahmen zusammengefasst, die das Klima beeinflussen sollen. Kein Zweifel: Geoengineering passt in unsere Zeit, zum einen, weil es erlaubt, mit der Verbrennung von Kohle, Gas und Erdöl weiterzumachen wie bisher, zum anderen, weil es so wunderbar kompatibel zu einer weit verbreiteten Denkweise ist: Erst kaputt machen und dann reparieren. So kann man gleich zwei Mal ein Geschäft machen. (Ressourcen-)Schonend zu wirtschaften, Dinge nicht zu tun (obwohl man sie tun könnte), Verzicht und Beschränkung zu üben – das klingt dagegen doch alles nach „Spielverderber“.

Aber vielleicht sehe ich das auch ganz falsch – und hinter der Idee eines weltweiten Klempnerns am Klima steht das klammheimliche Eingeständnis, dass man viel zu lange an konventionellen Energieträgern festgehalten hat und eine Klimakatastrophe nur noch aufzuhalten ist, wenn man alle verfügbaren Mittel in Techniken investiert, Treibhausgase aus der Atmosphäre zu entfernen und die Sonneneinstrahlung auf die Erde zu reduzieren.

Sonnenlicht ins All reflektieren

Tatsächlich wird beides bereits ernsthaft überlegt. Für letzteres gibt es sogar Beispiele, dass es grundsätzlich funktionieren könnte: Als 1991 der Vulkan Pinatubo auf den Philippinen 17 Millionen Tonnen Schwefel hoch in die Atmophäre schleuderte, sank die Durchschnittstemperatur um ein knappes halbes Grad ab, weil sich aus Schwefeldioxid Schwefelsäuretropfen entwickelten, die einen Teil des Sonnenlicht ins Weltall reflektierten. Die technische Variante dazu heißt Solar Radiation Management. Das klingt gleich viel vertrauenerweckender als Vulkanausbruch.

Protagonist dieses Ansatzes ist David Keith von der amerikanischen Harvard University. Er möchte Schwefeldioxid im großen Stil in der Stratosphäre versprühen lassen und schätzt die Kosten auf einige Milliarden Dollar pro Jahr. Ist das vielleicht ein neues Geschäftsmodell für notleidende Energiekonzerne? Dann könnten sie die Wurst von beiden Seiten abbeißen.

Für 2018 sind erste Tests des Verfahrens geplant. Dazu sollen neben Schwefel auch andere Partikel in die obere Atmosphäre verteilt werden, um deren Reflektion des Sonnenlichts zu messen. Aber Schwefeldioxid – da war doch mal was? Richtig, Schwefeldioxid lässt Seen versauern und Bäume sterben. Aber wo gehobelt wird, …

Weiße Dächer und künstliche Wolken

Eine Nummer kleiner ist da die Idee, Sonnenlicht auf der Erdoberfläche zu reflektieren – zum Beispiel, indem man die Dächer von Gebäuden weiß einfärbt – oder gleich ganzen Städten weiße Dächer, weiße Häuser und weiße Straßen verpasst. Die weiße Farbe reflektiert das Sonnenlicht besser als die – zumindest in nördlichen Regionen – oft dunklen Dächer. Nur schade um die Solarmodule auf den Dächern, deren Wirkungsgrad beträchtlich in den Keller geht, wenn sie weiß übergestrichen werden. Aber die werden ja auch nicht mehr gebraucht, wenn Geoengineering alle Klimaprobleme löst.

Eine Idee von Stephen Salter von der University of Edinburgh ist nicht weniger spektakulär: Er schlägt Schiffe vor, die auf den Ozeanen rund um die Uhr Wasser aus dem Meer pumpen und als feine Wassertropfen in die Luft schießen, um so die Rückstrahlung von der Erde zu vergrößern. Dazu bräuchte man nach seinen Berechnungen rund 2.000 von Robotern gesteuerte Schiffe, die mit gut 20 m hohen Windrotoren pro Sekunde 30 kg gefiltertes Meerwasser in die Luft katapultieren. Die Kosten sollen bei einige hundert Millionen Euro pro Jahr – das wäre im Vergleich mit anderen Maßnahmen noch ein richtiges Schnäppchen. Doch leider gibt es auch Nebenwirkungen: Je nach Jahreszeit und Ort könnte sich das Klima stark verändern. Aber was nimmt man nicht alles in Kauf, um den Klimawandel zu stoppen.

Ein Sonnenschirm im All

Richtig „groß“ denken dagegen Astronomen der University of Arizona. Sie wollen zwischen Sonne und Erde eine Art Sonnenschirm aufspannen. Der müsste aus 16 Billionen dünnen Siliziumscheiben bestehen, die mit elektromagnetischen Kanonen (Hollywood lässt grüßen) ins All geschossen würden, um sich genau an dem Punkt, an dem sich die Anziehungskräfte von Sonne und Erde aufheben, zu einem mächtigen Kreis aufzureihen und so die Sonneneinstrahlung um 1,8 % zu verringern. Und nur Nostalgikern würden sich dann daran erinnern, was man sonst noch mit 16 Billionen dünnen Siliziumscheiben anfangen könnte.

Carbon capture – rausholen, was rauszuholen geht

Dagegen klingen Maßnahmen zur technischen Rückholung von CO2 aus der Atmosphäre und der anschließenden unterirdischen Speicherung des Klimagases schon fast harmlos – wenn sie nicht mit so hohen Energieaufwänden verbunden wären. Dann vielleicht doch „die Naturmethode“? Man könnte doch große Flächen wieder aufforsten und so der Atmosphäre CO2 entziehen. Doch da passt Andreas Oschlies, Professor am Meeresforschungszentrum IFM-GEOMAR in Kiel, auf, dass die Hoffnungen nicht in den Himmel wachsen. Seiner Meinung nach würde es nämlich nicht einmal ausreichen, ganz Australien in einen Urwald zu verwandeln – das würde nur 10 % Emissionen binden. "Irgendwann ", gibt er zu bedenken, „ist kein Platz mehr auf der Erde, um mehr CO2 zu speichern."

Die marine Variante dieser Idee ist es, die Ozeane mit Eisen zu düngen, um Massenentwicklungen von Algen zu provozieren. Dahinter steht die Überlegung, dass die Algen CO2 fixieren, das sie nach ihrem Absterben auf den Meeresboden transportieren. Mit sechs Tonnen Eisen wurde bereits ein 300 Quadratkilometer großes Gebiet im Südpolarmeer entsprechend behandelt. Zu Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

Wenn alles nicht mehr hilft

Wenn das alles nicht verhindert, dass der Meeresspiegel unaufhaltsam steigt, dann gibt es immer noch eine letzte Rettung: Anders Levermann, Professor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung schlägt vor, Meerwasser mit gigantischen Pumpen ins Innere der Antarktis zu befördern, das dort gefriert und so bei einem Anstieg des Meeresspiegels entgegenwirkt. Dazu müsste man mit riesigen Pumpen Wasser 4 km hoch auf das Antarktis-Eis pumpen. Damit das Wasser dann nicht gleich ins Meer zurückfließt, muss es 700 km ins Landesinnere gebracht werden – entweder in fester Form oder in beheizten Pipelines. Ob sich dieses Extremszenario angesichts von Jahresmitteltemperaturen von -50°C wirklich umsetzen ließe und wie sich die Dynamik des Eises dadurch verändern würde, ist ungewiss, räumt Levermann ein.  „Kleiner Nachteil“ des Verfahrens: Etwa ein Zehntel der derzeitigen Weltenergieproduktion wären dafür nötig.

Dem Geoengineering und seinen Folgen widmet sich der Report „The Big Bad Fix. The Case against Climate Geoengineering“, der NGOs Biofuelwatch, ETC Group und der Heinrich-Böll-Stiftung. Der Report kann hier heruntergeladen werden. Er ist die umfassendste Untersuchung zum weltweiten Stand der Technologie, ihren Gefahren, ihrer Ideologie und ihren Akteuren. Er zeigt auf, wie sehr Klimapolitik eine Machtfrage ist – und dass sich auch mit der Klimakatastrophe noch Geld verdienen lässt: „Geoengineering ist keine technische oder wissenschaftliche Notwendigkeit, sondern eine gefährliche Verteidigung des gescheiterten Status quo. Zu behaupten, man ‚müsste‘ Geoengineering anwenden, bedeutet, dass es akzeptabler sei, unserem Planeten irreparable Schäden zuzufügen, als unser Wirtschaftssystem zu verändern, das nur für einige wenige profitabel ist.“

Volker Buddensiek