EU-Gebäuderichtlinie fordert ab 2021 sogenannte Niedrigstenergiegebäude

fotolia.com © DanBu.Berlin #137398534
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10.05.2019

Ab dem Jahr 2021 wird es für alle Mitgliedstaaten der EU verpflichtend, sämtliche Neubauten als sogenannte Niedrigstenergiegebäude zu errichten. Geregelt wird das in der EU-Gebäuderichtlinie aus dem Jahr 2010. Der Grund: Allein 40 Prozent der gesamten Energie, welche in Industriestaaten verbraucht wird, fließt in die Heizung oder Kühlung von Gebäuden. Die flächendeckende Umstellung auf Niedrigstenergiegebäude könnte daher die klimatischen Verhältnisse entscheidend verbessern.

Unter dem Namen „Richtlinie 2010/31/EU“, welche am 19. Mai 2019 vom EU-Parlament verabschiedet wurde, stellt die EU-Gebäuderichtlinie die Weichen für eine Zukunft mit deutlich geringerem Energiebedarf. Die Kernforderung lautet: Ab dem Jahr 2021 sollen alle Neubauten innerhalb der EU nach dem Niedrigstenergiestandard errichtet werden. Die ersten Klauseln treten sogar bereits im Jahr 2019 in Kraft und betreffen die Gebäude der staatlichen Behörden. In Deutschland hatte die EU-Gebäuderichtlinie mit der EnEV 2014 aber bereits einen vergleichbaren Vorläufer, sodass die neuen Anforderungen durch den Beschluss auf EU-Ebene kurzerhand in die gültige Energieeinsparverordnung integriert werden.

Eine Regel mit vielen Ausnahmen

In der Kritik steht die Gebäuderichtlinie jedoch, weil sie viele Ausnahmen mit sich bringt. Einerseits muss der Niedrigstenergiestandard von den Ländern nicht im Sinne einer Gesamtenergieeffizienz definiert werden. Es fehlt somit an Kontrollmöglichkeiten und eine schwammige Umsetzung der Forderungen lässt mittelmäßige Resultate befürchten. Grund dafür ist, dass die Kosteneffizienz auch bei Niedrigstenergiegebäuden über die geschätzte wirtschaftliche Lebensdauer hinweg unbedingt erhalten bleiben soll. Weitere Ausnahmen stellen Modernisierungen von Altbauten und denkmalgeschützten Gebäuden, frei stehende Häuser mit weniger als 50 Quadratmetern Nutzfläche, Gebäude mit begrenztem Nutzungszeitraum sowie religiöse Gebäude dar.

EU-Gebäuderichtlinie betrifft auch Bestandsbauten

Prinzipiell sind diese Regelungen zudem nur für Neubauten gültig. Dennoch sind nicht alle Bestandsbauten vom Niedrigstenergieziel ausgenommen. Stattdessen müssen Altbauten ebenfalls umgerüstet werden, sofern ohnehin größere Renovierungsarbeiten geplant sind. Sie werden auf lange Sicht ebenfalls in Richtung „Nearly Zero Energy“ umgerüstet und an die energetischen Anforderungen im Bereich der Neubauten angepasst. Das ist insofern sinnvoll, als dass jedes Jahr in Deutschland rund 0,4 bis 1,2 Prozent der Gebäude grundlegend renoviert werden. Somit könnte schon in weniger als einem Jahrhundert die gesamte Europäische Union auf den Niedrigstenergiestandard umgestellt sein.

Überarbeitung der Regelungen im Jahr 2018

Die Kritikpunkte sorgten dennoch dafür, dass die EU-Gebäuderichtlinie im Jahr 2018 überarbeitet und in verbesserter Version verabschiedet wurde. In dieser steht die kostenwirksame Renovierung von Bestandsbauten im Fokus. Ziel sind eine Beschleunigung der Umbauprozesse und möglichst intelligente Gebäude im Sinne der Gesamtenergieeffizienz. Zum Stand heute sind 75 Prozent der Gebäude innerhalb der EU nicht energieeffizient. Mit der Novellierung soll demnach die Sanierungsrate gesteigert werden. Neben den positiven Auswirkungen auf das Klima, versprechen sich die Staaten davon ein Ankurbeln der Wirtschaft durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Weiterhin sollen die Energiekosten für die Bürger erheblich gesenkt und damit deren Lebensqualität sowie Kaufkraft erhöht werden. Ein weiteres erklärtes Ziel liegt in der Senkung der sogenannten „Energiearmut“. Die relevantesten Änderungen der EU-Gebäuderichtlinien aus dem Jahr 2018 lauten wie folgt:

  • Die Mobilisierung von den notwendigen finanziellen Mitteln wird unterstützt.
  • Ein klares Konzept wird erstellt, betreffend die CO2-Minderung durch Gebäudeemissionen bis zum Jahr 2050.
  • Intelligente Technologien für die Kommunikations- und Informationstechnik im Bereich der Energieeffizienz von Gebäuden werden gefördert.
  • Vor allem bei großen Gewerbegebäuden wird die Errichtung einer auf Elektromobilität basierenden Infrastruktur gefördert.
  • Neue Systeme werden in der Anlagentechnik für die Gebäudesteuerung und -automatisierung eingeführt.

Die wichtigste Neuerung stellt der sogenannte „Intelligenzindikator“ dar: Er soll eine einheitliche Bewertung der technologischen Fähigkeiten von Gebäuden ermöglichen und somit den größten Kritikpunkt an der ursprünglichen EU-Gebäuderichtlinie beseitigen.

fotolia.com © Grecaud Paul #94576008
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Definition des Niedrigstenergiestandards

Was jedoch bleibt, ist die fehlende Definition dessen, was unter einem Niedrigstenergiegebäude zu verstehen ist oder dem „Nearly Zero Energy Building“, wie es im Originaltext heißt. Auf Deutsch übersetzt lautet dieser: „Der fast bei Null liegende oder sehr geringe Energiebedarf sollte zu einem ganz wesentlichen Teil durch Energie aus erneuerbaren Quellen, einschließlich Energie aus erneuerbaren Quellen, die am Standort oder in der Nähe erzeugt wird, gedeckt werden“. Angeblich sei diese schwammige Formulierung aber absichtlich gewählt, um den EU-Ländern Gestaltungsspielraum bei der Definition des Niedrigstenergiestandards zu bieten. Schließlich werden an Häuser in warmen Regionen wie Italien oder Spanien ganz andere Anforderungen gestellt als an jene in Skandinavien oder weiteren kalten Klimazonen. Während also beispielsweise in Spanien eher die Klimaanlagen zum Stromfresser werden, spielt in Skandinavien die Wärmeschutzdämmung eine tragende Rolle. Das wirft die Frage auf, wie nun Deutschland in Zukunft die EU-Gebäuderichtlinie umsetzen möchte?

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Niedrigst-, Passiv, Null- oder Plusenergiegebäude?

Die EU-Richtlinie stellt also die Forderung an die Mitgliedstaaten, den zukünftigen Standard für Neubauten selbst zu definieren und konkrete Anforderungswerte zu entwickeln, damit die Ergebnisse nachvollziehbar sowie vergleichbar werden. Gemessen wird die Energieeffizienz eines Gebäudes am Energieverbrauch. Unterschieden wird dabei zwischen mehreren Begriffen:

  • Ein Niedrigenergiegebäude beschreibt ein Haus, dessen Energieverbrauch deutlich unter den rechtlichen Grenzwerten liegt. Eine exakte Definition, ab wann ein Haus als Niedrigenergiehaus gilt, gibt es allerdings nicht. Zumindest nicht in Deutschland. In Österreich gibt es hingegen eine klare Einteilung. Als Niedrigenergiehaus werden hier jene Gebäude bezeichnet, welche einen Heizwärmebedarf von weniger als 50 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr haben. 
  • Das Niedrigstenergiegebäude liegt laut österreichischer Definition mit maximal 25 Kilowattstunden pro Jahr und Quadratmeter noch darunter. Die EU-Gebäuderichtlinie hat nun auch eine deutsche Definition erforderlich gemacht. Diese wurde wie folgt erarbeitet: Als Niedrigstenergiegebäude gelten Häuser, welche mindestens dem aktuellen KfW-Effizienzhaus Standard der Klasse 55 entsprechen. Demnach darf der Jahresprimärenergiebedarf nicht über 40 Kilowattstunden pro Jahr und Quadratmeter liegen.
  • Ein Passivhaus versorgt sich größtenteils selbst mit der erforderlichen Energie, beispielsweise durch eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach. Es kommt somit laut österreichischer Definition auf maximal 10 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Für deutsche Maßstäbe haben die Zertifizierungskriterien des Passivhausinstituts Darmstadt den Grenzwert von 15 Kilowattstunden festgelegt. Auch hier gibt es also keine einheitliche Definition auf EU-Ebene.
  • Das Nullenergiehaus arbeitet energieautark. Das bedeutet allerdings nicht, dass keine externe Energie bezogen wird. Stattdessen wird  es so definiert, dass sich im Jahresdurchschnitt der Energiebezug und der eigene Energiegewinn gegenseitig aufwiegen. Möglich ist das durch Solaranlagen, eine passive Wärmerückgewinnung sowie eine solartechnische Anlage für die Strom- und Warmwassergewinnung.
  • Ein Plusenergiehaus toppt das noch und erzeugt mehr Energie als es selbst verbraucht. Es kann sich somit ohne externe Bezugsquelle selbst mit Energie versorgen. Durch die Einspeisung der überschüssigen Energie in das Versorgungsnetz, können die Bewohner beziehungsweise gewerblichen Nutzer sogar noch einen finanziellen Vorteil verzeichnen. Zum Einsatz kommen beim Plusenergiehaus spezielle Thermokeller, Thermofundamentplatten, Wandsysteme mit höchster Dämmqualität, Thermodächer, Passivhausfenster sowie eine solaroptimierte Planung.

Das KfW Effizienzhaus 55 als Grundlage

Die Auflistung macht deutlich, wie komplex das Thema Energieeffizienz bei Gebäuden ist und weshalb eine einheitliche Definition auf EU-Ebene nicht gewünscht wurde. In Deutschland werden sich zukünftige Neubauten ab dem Jahr 2021 somit am heutigen Standard für ein KfW Effizienzhaus 55 ausrichten. Dieses muss folgende Merkmale aufweisen: Das Gebäude verbraucht mindestens 45 Prozent weniger Energie als ein vergleichbarer Neubau. Weiterhin muss es über eine Ausstattung mit zentraler Lüftung und Wärmerückgewinnung verfügen. In der Regel verfügt das Effizienzhaus über regenerative Energien wie eine Solaranlage, alternativ sind jedoch auch Öl- und Gasbrennwertkessel zulässig. Wünschenswert ist ein verbesserter Wärmeschutz sowie unter Umständen eine Solarthermieanlage für Warmwasser. Als Heizsystem werden vermehrt Wand- und Fußbodenheizungen genutzt. Zum Zweck der Wärmerückgewinnung wird das Niedrigstenergiegebäude möglichst zur Sonne ausgerichtet, wobei die Dämmung an den Wänden sowie eine Dreifachverglasung in Türen und Fenstern ein Entweichen der Wärme in den Außenbereich verhindert.