Die Genossenschafts-Biogasanlage

Die Gussenstädter Biogasanlage wird laufend erweitert und optimiert: Zurzeit entsteht ein neues Gärrestlager, mit dem die Anforderungen der neuen Düngeverordnung erfüllt werden sollen. (Foto: Energiegenossenschaft Gussenstadt eG)
Die Gussenstädter Biogasanlage wird laufend erweitert und optimiert: Zurzeit entsteht ein neues Gärrestlager, mit dem die Anforderungen der neuen Düngeverordnung erfüllt werden sollen. (Foto: Energiegenossenschaft Gussenstadt eG)
19.06.2018

In Gussenstadt wird der Genossenschaftsgedanke groß geschrieben: Nicht nur das Wärmenetz, sondern auch die Biogasanlage werden unter dem Dach der Energiegenossenschaft betrieben. Diese übernimmt zudem noch die Versorgung der Bürger mit schnellem Internet über Glasfaserkabel, wie der Initiator Thomas Häcker berichtet.

Vor fünf Jahren hat die Energiegenossenschaft Gussenstadt (EGG) ihre Biogasanlage gebaut und heute gibt es dort schon wieder eine Großbaustelle: Zurzeit wird am Betonbau für ein neues Gärrestlager gearbeitet, mit dem die Anforderungen der neuen Düngeverordnung erfüllt werden sollen. Außerdem sollen mit einem Tragluftdach in Form einer Drittelkugel über dem Gärrestlager die Gasspeicherkapazitäten in etwa verdoppelt werden, denn die Anlage wird künftig nach einem extremen Sommer/Winter-Fahrplan betrieben. „Im August soll dann noch ein zusätzlicher, 107 m³ großer Wärmespeicher gebaut werden“, erzählt Thomas Häcker, erster Vorstand der Genossenschaft. Ein 60 m³ fassender Pufferspeicher zur Nahwärmeversorgung sei bereits vorhanden.

Auf der Gemeinschafts-Biogasanlage, rund 400 m vom Ort Gussenstadt im Kreis Heidenheim in Baden-Württemberg entfernt, ist im März ein BHKW mit 1169 kWel installiert worden. Schon 2014 hat die EG Gussenstadt angefangen, „klein“ zu flexibilisieren: Zum 400-kW-BHKW wurde ein weiteres mit 205 kW zugebaut. „Mehr hat der Netzbetreiber nicht genehmigt“, sagt Häcker. Die Bemessungsleistung liege deshalb bei 575 kW. Den Fahrplan hat das Direktvermarktungsunternehmen Next Kraftwerke GmbH ausgearbeitet. Er sieht sowohl eine Flexibilisierung im Tageslauf vor, die sich nach den Spotmarktpreisen an der Strombörse richtet, als auch einen saisonal wechselnden Betrieb.

„Im Winter fahren wir die Biogasanlage nach dem Wärmebedarf“, erklärt der Landwirt, „dagegen läuft die Anlage im Sommer bei 250 kW quasi auf Sparflamme.“ Während im Sommer hauptsächlich Gülle und Mist zum Einsatz kämen, werde im Winter auch verstärkt Silage aus Mais, Gras und Silphie gefüttert. Im Jahresdurchschnitt liege der Anteil von Gülle und Mist bei 71 %. „Wir haben in der Genossenschaft einen Substratausschuss, der sich mit alternativen Energiepflanzen beschäftigt“, sagt Häcker, „letztes Jahr haben unsere Landwirte insgesamt 18 ha durchwachsene Silphie angesät.“ Die gelb blühende Pflanze sei nicht nur ökologisch wertvoll, sondern erhalte auch eine erhöhte Einsatzstoffvergütung gemäß EEG 2012.

Mit ihrem Modell, nicht nur das Wärmenetz, sondern auch die Biogasanlage genossenschaftlich zu betreiben, wandern die Gussenstädter auf einem Sonderweg. „Wir hatten von vornherein die Absicht, öffentliche Gebäude mit Wärme zu versorgen“, blickt Häcker zurück auf die Anfänge. Die Heizung für Schule und Rathaus war in die Jahre gekommen. Der Initiator dachte erst an eine Hackschnitzelheizung, eine Biogasanlage versprach jedoch eine bessere Wirtschaftlichkeit. Hierfür brauchte er allerdings Mitstreiter. Um eine breite Akzeptanz für eine Großanlage zu bekommen, wurde eine Genossenschaft für Biogasanlage und Nahwärmenetz favorisiert. So fanden sich zehn Landwirte, die 2012 die Energiegenossenschaft Gussenstadt aus der Taufe hoben. 2013 wurde die Biogasanlage gebaut und 2014 folgte der erste Bauabschnitt des Nahwärmenetzes. Seitdem kommen jedes Jahr Erweiterungen von im Schnitt 300-400 m Trassenmeter hinzu, sodass das Netz jetzt 4,6 km lang ist.

Für seine Idee, nicht nur das Wärmenetz, sondern auch die Biogasanlage genossenschaftlich zu betreiben, fand Thomas Häcker zehn Landwirte als Mitstreiter. Gemeinsam gründeten sie die Energiegenossenschaft Gussenstadt, deren erster Vorstand Häcker heute ist. (Foto: Fachverband Biogas / Baerwald)

Mittlerweile sind Schule, Sporthalle, Kindergarten, Rathaus und Feuerwehrhaus angeschlossen; ansonsten vorwiegend Ein- und Zweifamilienhäuser. Häcker betreibt eine Pension mit Schwimmbad und gehört damit selbst zu den Großabnehmern. Etwa 40 % der 1400 Einwohner Gussenstadts werden mit genossenschaftlicher Nahwärme versorgt. 28 Landwirte aus einem Umkreis von 6 km beliefern die Biogasanlage mit Substrat. Hinzu kommen 110 Wärmeanschlussnehmer. Die Genossenschaft hat somit knapp 140 Mitglieder. Anfangs sei geplant gewesen, die Nahwärmeversorgung auf das ganze Dorf auszulegen. Die überzogene Planung wurde jedoch revidiert: Um mit dem relativ günstigen Erdgas konkurrieren zu können, wurde angestrebt, das Netz möglichst dicht zu belegen und das Nahwärmesystem so einfach wie möglich zu strukturieren.

Auf Anraten des Planers Martin Lohrmann sollte durch saisonal flexiblen Betrieb der Biogasanlage ein weiterer Wärmeerzeuger vermieden und das Vorhaben kleiner angefangen werden: Im ersten Bauabschnitt 2014 wurden 60 Gebäude angeschlossen. Ein Großteil davon befindet sich in einem Baugebiet der 50er- und 60er-Jahre. „Hier war bei vielen Leuten die zweite Heizung veraltet und wir kamen gerade rechtzeitig“, berichtet Häcker, der 2015 bei der Wahl zum Energielandwirt des Jahres auf Platz zwei landete. Dennoch: „Die ersten Wärmekunden zu überzeugen, war enorm schwer. Uns gelang dies unter anderem mithilfe von Exkursionen zu bereits realisierten Wärmeprojekten.“

Nahwärme- plus Glasfaser-Anschluss

„Während der Bauphase haben wir beschlossen, Leerrohre einzubauen“, nennt Häcker einen weiteren Erfolgsgaranten: „Damit hat jeder Anschlussnehmer die Möglichkeit, einen Glasfaser-Anschluss für schnelles Internet zu bekommen.“ Für die Nahwärmekunden sei das eine kostenlose Dreingabe. „Wir haben 25 Haushalte, die nur den Glasfaser-Anschluss wollten. In diesen Fällen erheben wir eine Anschlussgebühr von 2500 Euro. Wenn der Kunde das Kabel auf dem eigenen Grundstück selbst verlegt, gibt es einen Nachlass von 800 Euro.“ Partner und Pächter des Glasfasernetzes ist die Netcom BW GmbH, eine Tochter des Energiekonzerns EnBW. „Die Suche nach einem Provider gestaltete sich schwierig“, erinnert sich Häcker, „hier hat uns die Wirtschaftsförderung im Landratsamt geholfen.“ Mit dem Ausbau des Glasfasernetzes fühlt sich der 35-Jährige absolut auf der Höhe der Zeit. Kupferbasierte Internetleitungen seien nicht mehr zukunftsfähig, zumal die Bundesregierung angekündigt habe, künftig nur noch Glasfaserleitungen fördern zu wollen.

Für Stromkabel seien die Leerrohre Häcker zufolge aber nicht vorgesehen. Parallel zum bestehenden Stromnetz ein weiteres betreiben zu wollen, sei rechtlich ein „heißes Eisen“. Er sieht die EGG nicht unbedingt als Vorreiter. Ihm geht es mehr darum, die bestehenden Möglichkeiten optimal zu nutzen. Seine Vorsicht kommt auch von den Erfahrungen mit dem „Zweistoff-Kessel“ für Spitzenlast und Redundanz. Der Kessel mit 1,8 MWth Leistung kann sowohl Heizöl als auch Biogas verfeuern. Für den Anlagenteil bekamen die Gussenstädter eine Innovationsförderung. Der Kessel entpuppte sich aber als widerspenstig: „Die steuerungstechnische Systemeinbindung bereitete am Anfang Probleme, sodass der Förderbetrag fast wieder aufgefressen wurde.“ Im letzten Winter habe die Genossenschaft 5500 l Heizöl gebraucht. Das mache rund 1 % des Wärmeverbrauchs aus.

Die maximale Wärmelast im Netz liegt bei 1,7 MWth. Sie tritt laut Häcker vor allem in den ersten Morgenstunden auf. Die Biogasanlage im Verbund mit dem vergrößerten Pufferspeicher könne die hierfür nötige Leistung leicht bereitstellen. Bei noch mehr Netzerweiterungen sieht er eher den Durchmesser von DN 100 der Hauptleitungen als begrenzenden Faktor. Die Netzverluste lägen mit 17-18 % im Durchschnitt, würden sich aber durch Nachverdichtungen noch eindämmen lassen.

Günstige Wärmepreise

Die EGG bietet relativ niedrige Wärmepreise von 4,3 bis 5,9 Cent/kWh netto und hat mehrere Tarifmodelle: Wer einen Anschlusskosten-Beitrag von 2500 Euro leistet, bezahlt einen Wärmepreis von 5,9 Cent. Wer darüber hinaus einen Baukosten-Zuschuss von 600 Euro pro kW Wärmeleistung gewährt (im Einfamilienhaus-Standardfall sind das 15 kW, also 9000 Euro), bekommt den niedrigsten Tarif von 4,3 Cent. Zudem gibt es zwei weitere Tarife mit Zwischenabstufungen. So kann jeder Kunde entsprechend seiner liquiden Finanzmittel wählen. Die Variante mit dem niedrigsten Wärmepreis wird in einer Grobkalkulation nach rund 15 Jahren günstiger als die mit dem höchsten. „In einer eingetragenen Genossenschaft (eG) kann die jährliche Generalversammlung mit einem Mehrheitsbeschluss der Mitglieder über die Wärmepreise bestimmen“, hebt Häcker hervor. In die Preisregelung sei deshalb keine Gleitklausel eingezogen worden. „Bei sinkenden Ölpreisen kann das zu Problemen führen“, meint er. Dann wäre man gezwungen, die Nahwärmepreise zu senken, hätte aber dieselben Kosten.

Gerstetten: starke Energiekommune

Gussenstadt gehört zur auf der östlichen Schwäbischen Alb gelegenen Gemeinde Gerstetten, die sich stark dem Ausbau erneuerbarer Energien verschrieben hat. Schon 85 % des Strombedarfs der 11.600 Einwohner werden im Gemeindegebiet aus regenerativen Ressourcen erzeugt. „Gerstetten hat sich langfristig das energetische Ziel gesetzt, Versorgungssicherheit und stabile Preise für die Bürger sicherzustellen“, macht Bürgermeister Roland Polaschek deutlich.

Die ersten Windkraftanlagen entstanden bereits 2001. Im Laufe der Jahre folgten weitere Windenergieprojekte. Zudem wird Strom aus einem Solarpark, aus Wasserkraft und aus einer großen Anzahl Biogasanlagen erzeugt. Auf öffentlichen Gebäuden produziert die Gemeinde selbst Solarstrom. Vor dem Rathaus bietet sie ein Elektroauto zum Carsharing an. Natürlich fand auch das Biogas-Nahwärmeprojekt in Gussenstadt die Unterstützung der Kommune: „Die Bürger müssen die Möglichkeit haben, sich finanziell am Ausbau von Erneuerbaren-Energien-Anlagen beteiligen zu können. Nur so schaffen wir Akzeptanz und die Option, direkt vom Gewinn zu profitieren“, ist sich Polaschek sicher.

Quelle: Agentur für Erneuerbare Energien

Einen wesentlichen Vorteil des Gussenstädter Modells sieht Häcker darin, dass die Genossenschaft einen Großteil der Einnahmen aus der Stromeinspeisung erzielt: „Das macht vieles erheblich leichter.“ Doch auch die angeschlossenen landwirtschaftlichen Betriebe würden profitieren: „Sie haben kein eigenes Investitionsrisiko, verdienen stattdessen durch den Verkauf der Substrate an die EG.“ Die Landwirte hätten einen sicheren Abnehmer für das gelieferte Substrat und die Maschinen seien gut ausgelastet. Um sie anfangs zu überzeugen, in der Genossenschaft mitzumachen, zahle die EG gute Preise für Mais, Gülle und Mist. „Wärmeabnehmer und Landwirte sind voneinander abhängig“, betont Häcker. In der Genossenschaft säßen sie im selben Boot, wodurch gegensätzliche Interessen aufgelöst werden könnten.

Die Mitglieder der EG Gussenstadt haben Genossenschaftsanteile von mindestens 2500 Euro gezeichnet. Zwar steht es ihnen frei, noch mehr Anteile zu erwerben, auf der Generalversammlung hat aber jedes Mitglied nur eine Stimme. „Wir streben keinen exorbitant hohen Gewinn an“, beteuert Häcker. Bisher seien die Gewinne vollständig in die Rücklagen eingestellt worden. Das sei auch nötig gewesen, denn zum Beispiel rund 350.000 Euro seien allein in den Ausbau des Glasfasernetzes gesteckt worden. Alles zusammen genommen habe die Genossenschaft schon über 4 Mio. Euro in Bau und Erweiterungen von Biogasanlage und Wärmenetz investiert. Für die Zukunft prognostiziert er, dass bei weiterhin positiver Geschäftsentwicklung zwischen zwei und drei Prozent Dividende ausgeschüttet werden könnten.

Christian Dany