Skaleneffekte und kontinuierliche Optimierung, der Treiber zur OPEX-Reduzierung

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28.11.2017

143.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze im Jahr 2015, absehbar mehr als 150.000 Stellen nur ein Jahr später – das sind die Zahlen der Anfang 2017 vorgestellten Arbeitsmarktstudie des Bundesverbandes Windenergie. Auf die Onshore-Windbranche entfallen dabei fast 86 Prozent aller Jobs im Windsektor.

Information zum Autor
Christian Obendorf, Director Service Sales Parts & Repair bei Vestas Central Europe, ist seit vielen Jahren in unterschiedlichen Disziplinen in der Windindustrie tätig und verfügt zudem über branchenübergreifendes Fachwissen im Bereich des Servicevertriebs. Seine umfangreichen Erfahrungen und sein Fachwissen, welche er bei Siemens Fossil Service, Siemens Wind Power und Availon gewonnen hat, bringt er heute bei Vestas Central Europe ein. Sein Fokus liegt auf der Analyse, Entwicklung und Umsetzung von Servicepotenzialen im Bereich Multibrand.

Der Bereich Service und Wartung verzeichnet dabei seit Jahren sehr starke Zuwachsraten. Und dieses Geschäft wird zusehends komplexer: Das Windturbinen-Portfolio eines Energieerzeugers ist nicht gezwungener Maßen hersteller-rein. So verfügen 48 der weltweit 50 größten Windparkbesitzer bzw. -betreiber aktuell über eine Flotte mit Anlagen von zwei oder mehr Herstellern. Hinzu kommt, dass der Kostendruck in der Windbranche steigt: Während in den letzten Jahren global die Zahl der Anlagen stetig und deutlich steigt, verringern sich durch nationale, politische Maßnahmen die Einspeisevergütungen für die Windenergie. Der daraus folgende Effekt gilt nicht nur für die CAPEX, also die Investitionsausgaben für längerfristige Anlagegüter, sondern im ähnlichen Maß auch für die operativen Ausgaben (OPEX): der Kostendruck steigt, um bei fallenden Tarifen einen wirtschaftlichen Weiterbetrieb dauerhaft zu ermöglichen. 

Ein vermeintlicher Faktor zur Kostenreduktion auf Betreiberseite sind die Service- und Wartungskosten. Fixe, jährliche Wartungs- und Reparaturkosten lassen sich augenscheinlich in einem ersten Schritt durch den Risikotransfer, also einen niedrigeren Serviceumfang im Vertrag, vom Serviceanbieter zum Windparkbesitzer realisieren. Ein Vabanquespiel, das unterm Strich die OPEX mit dem Faktor Glück verbindet. Es gibt aber auch Möglichkeiten, dauerhaft und risikoarm die Servicekosten reduzieren.

Zusammen mit der Zahl der Anlagen sind in den letzten Jahren auch die spezifischen Anforderungen an den Service gestiegen. Vereinbarungen mit einem Anbieter, der die Windparks herstellerübergreifend warten kann und bereits Erfahrungen in unterschiedlichen Märkten weltweit gesammelt hat, sind – bezogen auf den Hebel zur Kostenreduktion – praktisch alternativlos. Denn: Eine hohe Anzahl an Windenergieanlagen (WEA) im Service befähigt die Serviceanbieter, den betriebswirtschaftlichen Größeneffekt zu nutzen. Je mehr WEAs unabhängig vom Hersteller im Serviceportfolio sind, umso größer der Effekt und Einfluss auf die Kosten.

Komplexe Serviceleistungen flexibel meistern

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Dafür ist jedoch Know-how und Expertise nicht nur für die eigenen Anlagen gefragt. Die Erkenntnisse in der Wartung einer Anlage lassen sich in den meisten Fällen auf verschiedene Anlagentypen übertragen. Hierbei gilt: Je größer der Erfahrungsschatz mit unterschiedlichen Anlagenmodellen, desto kompetenter die Lösungsfindung. So kann aus einem Serviceanbieter ein starker Industriepartner werden. Das setzt allerdings voraus, dass innerhalb der Strukturen des Serviceanbieters ein aktiver Wissensaustausch erfolgt, damit der Anlagenbetreiber von kontinuierlichen Verbesserungen im Produktportfolio und der stetig wachsenden Expertise profitieren kann.

Dieses Fachwissen wird in Zukunft vor allem für IT-Fragen und dort entscheidend sein, wo nicht in Gänze auf Dokumentation der Hersteller zugegriffen werden kann, sondern der jeweilige Serviceanbieter im Sinne der Sicherheit seiner Mitarbeiter und der Qualität der zu erbringenden Leistungen eigene Anleitungen und Dokumente erstellen muss. So ähneln sich mitunter zwar die älteren Turbinenmodelle unterschiedlicher Anbieter – sie können auf gleichen oder ähnlichen Patenten beruhen. Doch die Herausforderungen in der Wartung vor allem neuerer WEAs liegen im Speziellen in den unterschiedlichen Softwaresteuerungen. Diese sind mit den Jahren immer komplexer geworden und ein unumgänglicher Bestandteil eines ganzheitlichen Serviceangebots. Um auch hier dauerhaft Kostenvorteile zu realisieren, gilt es für den Serviceanbieter, die Gebühren für Patentnutzung zu umgehen und eigene, spezifische Softwarelösungen zu entwickeln. Diese Entwicklung kann – je zugrundeliegende Steuerungssoftware – zwischen einem und anderthalb Jahren dauern, ist kostenintensiv und gestaltet sich umso anspruchsvoller, je neuer die Turbine ist. Eine Investition, die sich für den Serviceanbieter nur durch den Skaleneffekt wirtschaftlich tragen lässt. 

Es ist in der ganzheitlichen Betrachtung von Serviceanforderungen nicht auszuschließen, dass eine Spezialisierung auf verschiedene, vor allem physisch ausgeführte Dienstleistungen, sich auch in Zukunft am Markt behaupten kann. Allerdings ist eine Konsolidierung des Servicemarktes, so wie sie bereits bei den WEA-Herstellern gegenwärtig noch einmal deutlich Fahrt aufgenommen hat, das eher zu erwartende Szenario der Zukunft. Auch für die Windindustrie gilt dabei: Der Preis und die Qualität der Leistung werden zunehmend im Fokus stehen. Es werden nur diejenigen erfolgreich sein, die durch strukturiertes Nutzen der Skaleneffekte (auch über verschiedene WEA-Typen) und Entwicklung technisch innovativer Lösungen in Bezug auf Wartung und Zuverlässigkeit der einzelnen Komponenten die Betriebskosten senken.

Was zeichnet guten herstellerübergreifenden Service aus?

Technische Expertise
Für welche Anlagentypen und Turbinenmodelle sind die Leistungen des Serviceanbieters ausgelegt? Betreiber sollten darauf achten, dass nicht nur aktuell unterschiedliche Modelle im Portfolio des Service abgedeckt werden. Es gilt auch zu prüfen, wie zukunftsfähig die Serviceleistungen sind und ob beständig herstellerübergreifendes Wissen und Expertise gesammelt wird.

Logistikkonzept
Wie gut ist der Serviceanbieter vernetzt – idealerweise weltweit? Guter Service beweist sich vor allem im Ernstfall. Kommt es zu einer Störung, müssen Wartungstechniker genauso schnell vor Ort sein wie eventuell auszutauschende Komponenten.

Health + Safety
Hat der Wartungsgeber eine Risiko- und Gefährdungsbeurteilung für den WEA-Typ? Außerdem ist es wichtig zu wissen, wie der Anbieter die Sicherheit der Umwelt und Mitarbeiter über die Dauer des Vertrages gewährleistet.

Für die Qualität der Wartung, der Reparatur, der Fernüberwachung, des Refurbishments und besonders bei der Softwareentwicklung sind die Qualifikationen und Sachkenntnisse jedes einzelnen Mitarbeiters ausschlaggebend. Expertise muss für alle angebotenen Leistungen aufgebracht werden. Technologie- und auch länderspezifische Schulungen und Zertifikate sind für die Servicetechniker unerlässlich. Diese Schulungen und Zertifikate müssen dabei mindestens auf einem Niveau liegen, das die Anforderungen verschiedener, regionaler Vorgaben abdeckt. Dadurch können die Dienstleister auf unterschiedliche Serviceaufgaben reagieren, um auch hier die Flexibilität und Einsetzbarkeit der Techniker zur Reduktion der benötigten Mannschaftsstärke zu nutzen und damit erneut Einsparungspotentiale zu realisieren.

Globale Lieferkette, regionale Präsenz

Neben dieser Expertise zählen für Betreiber von Windparks in puncto Wartung und Service vor allem die Faktoren Zeit und Verfügbarkeit. Das bedeutet einerseits, einen persönlichen Ansprechpartner zu haben und den Serviceanbieter rund um die Uhr kontaktieren zu können, wenn Stillstand und Ausfallzeiten drohen. Idealerweise wird solchen Situationen jedoch vorgebeugt. Eine zuverlässige Überwachung der Anlagen und daraus entstehende Erfahrungswerte sorgen dafür, dass der Service Störungen noch vor dem Betreiber erkennt und behebt. Big Data und dessen Nutzung sind also auch in der Windenergie-Branche entscheidende Wachstumstreiber. Auf eine Formel gebracht: Größere Flotte, mehr Wissen, besserer und präventiver Service.

Potentielle Ausfälle zu erkennen ist dann nur der Anfang. Im nächsten Schritt bedeutet dies, dass der Serviceanbieter auf ein belastbares Techniker- sowie Lieferantennetzwerk und Logistikkonzept zurückgreifen können muss, um zu gewährleisten, dass Präventivmaßnahmen ergriffen werden und bei Bedarf Ersatzteile schnellstmöglich vor Ort sind. Dafür sorgt entweder ein herstellerübergreifender Lagerbestand oder ein Netzwerk von Lieferanten, die zuverlässig und zeitnah auch die Komponenten anderer Hersteller zur Verfügung stellen können. Deckt der Serviceanbieter die Punkte Verfügbarkeit von Servicemitarbeitern, Lieferanten und Komponenten ab, dann löst sich für den Anlagenbetreiber eine zusätzliche Frage der Komplexität auf: die Schnittstellenoptimierung. Ein übergreifender Serviceanbieter senkt die Prozess- und Transaktionskosten auf Seiten der Betreiber und vereinfacht gleichzeitig auch die Auswertbarkeit von einheitlich erstellten Kennzahlen, Berichten und Leistungsdaten. Je größer und zuverlässiger das Netzwerk des Servicedienstleisters, desto geringer der administrative Aufwand im eigenen Unternehmen. Die größere Einkaufsmacht und damit verbundene Kostenreduzierung tragen zusätzlich zur Reduzierung der OPEX bei.    

Service als Wirtschaftlichkeitsfaktor

Insbesondere für die langfristige Sicherung der Investitionen ist es unverzichtbar, dass Serviceanbieter weitgehend unabhängig vom Hersteller arbeiten und durch innovative Konzepte die Anlagen auch langfristig betreuen können. Kurze Reaktionszeiten, Expertise für unterschiedliche Anlagenmodelle, hohe Verfügbarkeit von Komponenten – guter Service ist immer auch ein bedeutender Faktor für die Wirtschaftlichkeit eines Windparks. Für die Banken als Kapitalgeber ist es im Sinne der Risikominimierung entscheidend, dass die Kosten über die erwartete Gesamtbetriebslaufzeit einer Anlage kalkulierbar bleiben. Die Versicherer setzen einen vollumfänglichen Service nicht voraus, ziehen ihn aber in der Regel anderen Vertragsleistungen vor. Um den Veränderungen der Tarifstrukturen, sei es in Deutschland mit dem EEG oder international mit lokalen Verringerungen der Einspeisevergütung, begegnen zu können, wird herstellerübergreifender Service für die Wirtschaftlichkeitsberechnung eines Windparks zur entscheidenden Größe.

Management Summary

Die Windenergiebranche befindet sich weiterhin im Wandel. Der Servicemarkt steigt weiter rasant, wie auch der Kostendruck auf die Betriebskosten. Windparkbesitzer- und -betreiber können in diesem Zusammenhang von den Leistungen herstellerübergreifender Serviceanbieter profitieren. Der große Vorteil, den diese mitbringen, ist vor allem die Nutzung des Größeneffekts auf die Kostenbasis: schnelle, flexible Einsetzbarkeit von Servicetechnikern, eine starke Logistik-Infrastruktur gepaart mit einer hohen Teileverfügbarkeit zu geringeren Einstandskosten sowie eine einheitliche Abwicklung von Schnittstellen intern aber vor allem gegenüber den Kunden erlauben es, Kosten auf beiden Seiten zu reduzieren.