Schlaue Wärme fördern

Dörfliche Wärmenetze wie in Hallerndorf könnten durch das Programm Wärmenetze 4.0 Aufwind bekommen – allerdings nur, wenn der Biomasse-Anteil höchstens bei 50 % liegt. (Foto: Naturstrom)
Dörfliche Wärmenetze wie in Hallerndorf könnten durch das Programm Wärmenetze 4.0 Aufwind bekommen – allerdings nur, wenn der Biomasse-Anteil höchstens bei 50 % liegt. (Foto: Naturstrom)
26.02.2018

Seit Sommer 2017 läuft das Förderprogramm Wärmenetze 4.0. Nun kommen die Antragszahlen langsam in Schwung.

Egal ob Industrie, Bauernhöfe oder Energiewende: „modern“ heißt heutzutage „4.0“. Weil es in der Wärmewende dringend voran gehen soll, müssen daher auch Wärmenetze schnell den Sprung in ebendiese Generation 4.0 schaffen. Diesen guten Vorsatz hat die Bundesregierung der vorigen Legislaturperiode gefasst und will ihn mit dem Programm „Modellvorhaben Wärmenetze 4.0“ voranbringen.

Offiziell besteht das Programm seit Juli 2017. Beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) steht seither ein Fördertopf bereit, um innovative Wärmenetze zu unterstützen. Gemeint sind damit: Hohe Anteile erneuerbarer Energien, effiziente Abwärme-Nutzung oder ein besonders niedriges Temperaturniveau. Im ersten Schritt (Fördermodul I) fließt Geld in Machbarkeitsstudien. Bis zu 60 % der förderfähigen Kosten schießt der Staat zu, bis zu 600.000 € ist der Maximalbetrag laut Bafa-Webseite. Bei der Realisierung der Netze sollen es dann maximal 50 % beziehungsweise bis zu 15 Mio. € sein.

Im Herbst wurden die detaillierten Antragsbestimmungen fertig. Nun kommt auch langsam Schwung in die Sache. Immerhin 15 Anträge hatten die Bafa-Mitarbeiter bis zum 10. Januar 2018 auf dem Tisch. „Angesichts der Komplexität des Fördergegenstandes ist das ein gutes Ergebnis“, bilanziert das Bafa. Die Antragssteller sind breit gefächert. „Großes Interesse haben unter anderen Energieversorger, Stadtwerke, Kommunen, Universitäten und sonstige Forschungseinrichtungen, die Hersteller der Wärmenetzkomponenten und Energiegenossenschaften“, erklärt das Bafa auf Anfrage. Auch die Technologien, die die Antragssteller untersuchen wollen, sind recht breit gefächert. Multivalenter und kaskadierter Netzaufbau, brennstofffreie erneuerbare Energien (oberflächennahe Geothermie mit Wärmepumpen, tiefe Geothermie, Solarwärme), die Einbindung von Abwärme und Power-to-Heat scheinen besonders interessant zu sein, ergibt eine Auswertung der ersten Anträge. Die Anträge beziehen sich sowohl auf urbane als auch auf dörfliche Netze, heißt es weiter.

Dezentral und bidirektional

Aufbruchstimmung ist bei der Firma IWN Innovative Wärmenetze zu spüren. Das Tochterunternehmen des Berliner Contracting-Anbieters EWUS ist gerade im Aufbau. Schon der Name der Webdomain, waermenetze40.de, zeigt ziemlich genau, wohin die Reise gehen soll: Von der Machbarkeitsstudie über die Planung bis zum Betrieb der neuen Netze wollen die IWN-Ingenieure ihren Kunden praktisch alles liefern, was man im Rahmen des Programms fördern lassen kann. „Die Technologien sind alle nicht wirklich neu. Es geht jetzt darum, sie in der Breite anzuwenden“, sagt Stefan Scherz, Geschäftsführer der IWN Innovative Wärmenetze.

In den ersten Monaten des Jahres 2018 sollen mehrere neue Gesellschafter an Bord kommen, die Know-how aus dem Bereich großer Wärmenetze mitbringen. Die Ansätze in der Wärmewende sind für Stefan Scherz denen in der Stromwende nicht unähnlich: Zum einen müssten die Netze dezentraler werden, ist er überzeugt. Aus großen Netzen müssten kleinere Teilnetze ausgegliedert und dezentral gespeist werden. Technisch hätte das den Vorteil, dass die Netzverluste geringer ausfallen würden. Auch die Temperaturen könnten in vielen Teilnetzen sinken. Strukturell hieße eine solche Zerlegung: Den großen Netzbetreibern droht ein Markt- und Machtverlust. Eine Art Unbundling, wie die Entflechtung von Netz und Vertrieb, könnte auch den Wärmenetzen bevorstehen. Doch die Wärmewende ist für Scherz nicht nur dezentral, sondern auch bidirektional: Jeder Verbraucher kann im Grunde auch Wärme in das Netz zurückspeisen, also zum Prosumer werden. Während die wärmetechnischen Grundlagen jahrzehntelang bekannt sind, bräuchte die Regelung eines solchen Prosumer-Netzes neue Technologien. IWN arbeitet daher an einer selbstlernenden Regelungssoftware für bidirektionale Wärmenetze. Sie soll noch im Jahr 2018 fertig werden.

Neue Netze auf dem Land

Neben dem Zerlegen großer Netze passt das Förderprogramm eigentlich auch gut auf dörfliche Netze mit hohem Solar-Anteil. Davon zumindest ist Martin Willige überzeugt, Key Account Manager bei Ritter XL Solar und Sprecher der Fachgruppe Solarthermie im Bundesverband Solarwirtschaft „Wenn das Programm bei Wärmenetzbetreibern und solchen, die es werden wollen, bekannter wird, könnte es eine gute Dynamik entwickeln“, glaubt er.

Bei den Planern solcher Ökowärme-Netze stößt das Programm allerdings auf gemischte Resonanz. Die Düsseldorfer Naturstrom, die nicht nur Strom, sondern auch Nahwärme aus erneuerbaren Energien vermarktet, begrüßt das Programm, das anstatt einzelner Komponenten und Technologien nun erstmals ganze Systeme fördert. „Das ist genau der richtige Ansatz, denn bislang ist die Förderlandschaft sehr fragmentiert und bietet Projektentwicklern und Wärmenetzbetreibern nicht die langfristige Investitionssicherheit, die wünschenswert wäre“, sagt Pressesprecher Tim Loppe. Konkrete Förderanträge hat Naturstrom allerdings noch nicht gestellt. Die Bedingungen würden auch auf keines der aktuellen Projekte passen. Bei Wärmenetze 4.0 darf der Anteil von Biomasse nämlich höchstens 50 % betragen. Bei neuen Projekten prüfe man allerdings immer, ob diese die Kriterien erfüllen und es könne durchaus sein, dass man die Förderung in Anspruch nehmen werde, heißt es von Naturstrom. Eine technische Machbarkeitsstudie, wie sie in dem Programm gefordert wird, sei dabei in der Bewertung des Projektes ohnehin ein fester Bestandteil.

Verhaltener fällt die Bewertung des Programms bei der solarcomplex AG aus Singen aus, die bereits seit Jahren sehr aktiv im Gebiet ländlicher Wärmenetze ist. In Schluchsee im Schwarzwald plant das Unternehmen zum Beispiel gerade ein neues Wärmenetz mit 3.000 m2 Sonnenkollektoren. Mit dem Programm Wärmenetze 4.0 habe man sich aber noch nicht allzu ausführlich befasst, erklärt solarcomplex-Vorstand Bene Müller. Die bisherigen Projekte seien mit Hilfe des KfW-Kredit-Programms „Erneuerbare Energien Premium“ finanziert worden, das auch einen Teilschuldenerlass einschließt. Daneben gibt es in Baden-Württemberg Zuschuss-Programme mit wechselnden Titeln, derzeit unter dem Namen „Effiziente Wärmenetze“. Für die kommenden Jahre werde man sich aber sicher mit dem Programm auseinandersetzen. Dass „Wärmenetze 4.0“ grundsätzlich eine formale Machbarkeitsstudie fordert, sieht Müller skeptisch. „Das zieht das Projekt eher in die Länge“, sagt er. Mit einem Luftbild und einer Vor-Ort-Begehung könne man sich bei genügend Erfahrung „in zwei halben Tagen“ ein hinreichend genaues Bild der Situation machen. Er räumt allerdings ein, dass eine solche Studie für weniger erfahrene Planer durchaus sinnvoll sein kann. Doch wichtiger als solche Details wird ohnehin sein, was die nächste Bundesregierung grundsätzlich vom Thema Wärmewende hält. Und das steht mangels Regierung momentan in den Sternen.

Eva Augsten

Der Beitrag ist in SONNE WIND & WÄRME 1+2/2018 erschienen.